Musik-Rezensionen und Musiker-Portraits aus den Gebieten: Individuelle Singer-Songwriter, Soul, Jazz, Blues, Folk, Rock, Country, Art-Rock und Pop.
Hiss Golden Messenger - I`m People (2026)
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Wie fühlt es sich an, wenn man sich auf Messers Schneide zwischen Herzschmerz und Begeisterung bewegt?
Hiss Golden Messenger, das Projekt von Michael Taylor (der sich MC Taylor nennt), ist zu einer festen Konstante in der alternativen US-amerikanischen Roots-Music-Szene geworden. Von 1999 bis 2006 veröffentlichte Taylor unter dem Namen The Court & Spark vier Alben. Dazu kamen 2001 und 2010 noch zwei Werke als Boxharp. Seit 2009 lebte er nicht nur seine Leidenschaft für The Beatles, The Byrds, Buffalo Springfield und Ambient-Country als Hiss Golden Messenger auf Tonträgern mit alternativen Mitteln aus, sondern reifte stetig zu einem multikulturellen Künstler heran, der auf der Suche nach einem neuartigen Americana-Konzept ist. Denn für ihn gehören Stilmittel des Soul und Rhythm & Blues genauso wie Folk und Country zu seinem musikalischen Erbe und zum Repertoire.
MC Taylor ist ein Instinktmusiker. Bei ihm kommt es auf den richtigen Groove an, nicht auf kommerzielle Verwertbarkeit oder das Aufspringen auf einen Trend. Seine Schöpfungen müssen sich organisch, warm und zugänglich im Sinne von „menschlich“ anhören. Wenn er in ihnen die Stimmung des Südens der USA spürt, sind sie gelungen.
Spätestens seit "Heart Like A Levee“ von 2016 und besonders bei „Jump For Joy“ aus 2023 hat eine emotionale Qualität weiter an Einfluss gewonnen, nämlich der beseelte Ausdruck von Hoffnung und Zuversicht. Er verleiht auch den nachdenklichen Momenten eine geschmeidige Eleganz, die der Dunkelheit ihren Schrecken nimmt.
"I`m People" wurde in Dreamland, einer nicht mehr genutzten Kirche in der Nähe von Woodstock im Bundesstaat New York, aufgenommen. Und es ist anzunehmen, dass die andächtige Atmosphäre dieses Ortes viel zu der überwiegend würdevollen Stimmung beigetragen hat.
„In The Middle Of It“ führt aber zunächst auf die endlosen Highways. Der Song speist sich aus Erinnerungen an lange Autofahrten, die auch über den Highway 10 von Los Angeles nach El Paso führten. Karge Wüstenlandschaften halfen am Tag dabei, die Gedanken zu fokussieren, und warfen in den Nächten, die feiernd und schlafend überwunden wurden, bizarre Schatten. Der Sound der Straße ist monoton. Das spiegelt sich in dem stoischen Rhythmus und in der häufigen Wiederholung des Refrains wider, der von Eric
D. Johnson (Fruit Bats) sowie Taylor und Griffin Goldsmith (Dawes) schillernd veredelt wird. Der Weg ist das Ziel und das Ziel verspricht Glück. Das setzt Energien frei und materialisiert sich als vollmundiger Power-Pop, dessen Noten erwartungsvoll pulsieren.
Was als melancholischer Folk-Song beginnt, gedeiht bei „Who You Gonna Run To?“ rasch zum einfühlsamen Southern-Rock inklusive einer knappen Bob-Dylan-Nachahmung bei der Zeile "Ach, dieser Wind wird mich niemals erwischen". Taylor erinnerte sich beim Komponieren an den italienischen Filmregisseur Federico Fellini: „Und wie in den Werken dieses großen Filmemachers, dessen Verständnis und tiefe
Liebe zu den Menschen ich bewundere, stehen hier Jubel und Tragödie
nebeneinander. Sie bedingen einander sogar. Mir wird nun bewusst, dass dieses
Thema auf diesem Album immer wiederkehrt: Wie feiern wir in einer Welt, die so
grausam erscheinen kann? Wie bringen wir unsere Freude mit unserem Leid in
Einklang?“
„Shaky Eyes" ist ein Musterbeispiel für einen dieser motivierenden, im Americana-Pop angesiedelten Hiss-Golden-Messenger-Tracks, der auf Anhieb die Sinne betört und eine süchtig machende Melodie sein Eigen nennt. Sie sind imstande, auch einen miserablen Tag retten zu können. Ist es die Verwurzelung mit seiner Heimat, die dem Musiker, der vor langer Zeit von San Francisco nach Durham in North Carolina gezogen ist, diese erfüllende Gabe verleiht? („Ich
bin in Kalifornien aufgewachsen, und der weite Himmel des Westens prägt noch
immer meine Träume.")
Im Mittelpunkt von „Mercy Avenue" stehen Michael Taylors Erinnerungen an seine Großmutter Lucy. Sie war Witwe und schlug sich als Kellnerin mehr schlecht als recht durchs Leben. Rubbellose waren ihre kleine Hoffnung auf finanziell besser ausgestattete Zeiten, die sich aber nicht erfüllte. Mit 70 Jahren erlitt sie leider einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. MC Taylors Gedenken fällt traumwandlerisch entspannt, als eine in sich gekehrte Folk-Jazz-Ballade aus. Er erteilt damit der Hektik und dem Stress eine Abfuhr, denn in der Ruhe liegt die Kraft.
Vom kargen Folk hin zum beherzt auftretenden Folk-Rock bewegt sich das Lied „I’m People" und beschreibt damit Michaels schwierigen Weg vom Einzelgänger zu einem Menschen, der anerkennt, dass Vieles in Gemeinschaft einfacher zu bewältigen ist („Oh, aber Baby, bald wirst du jemanden brauchen. Niemand schafft es allein.“)
Der traurige Country-Folk von "Seneca (Time Is A Mother, Baby)" wirkt unter Umständen unscheinbar und schüchtern, was jedoch nicht mit belanglos verwechselt werden darf. Der Song fordert Aufmerksamkeit. Bekommt er sie, entfaltet er seine verborgene Schönheit. Das Lied entstand in einer Lebensphase, in der sich Taylor "ausgebrannt,
ausgelaugt, völlig erschöpft und verwirrt" fühlte. "Ich
schrieb über Menschen, die ich auf einem kleinen Straßenfest gesehen hatte". Dieses Ereignis und ein paar spirituelle Gedanken über den Wert des Lebens brachten ihn dann wieder zurück in die Spur. Dabei halfen wohl auch die Theorien des römischen Philosophen Seneca, der ein Jahr nach Christus geboren wurde und ein Lehrer des späteren Kaisers Nero war. Seneca wollte ihm Selbstbeherrschung und Gelassenheit beibringen, was offensichtlich nicht gefruchtet hat. Aber Seneca war davon überzeugt, dass "das höchste Gut die Harmonie der Seele mit sich selbst" ist. Politisch vertrat er den Standpunkt: "Je nach der Lage des Staates und den Fügungen des Schicksals werden wir vorankommen oder auf der Strecke bleiben, jedenfalls werden wir tätig sein und nicht der Furcht unterliegen und dadurch in Reglosigkeit verfallen." Ein weitsichtiges Motto, das aktuell wieder an Gültigkeit gewinnt und Michael inspiriert haben könnte.
Der rockende Rhythm & Blues-Groove von "Last Orders" ist extrem ansteckend und belebend, wodurch er sich zwischen den Ohren festsetzt. "Vielleicht
ist diese Komposition auch eine Art indirekter Gruß an Freddie Kings „Going Down“,
einen der krassesten Songs aller Zeiten", teilt Mr. Taylor mit. Die aktuelle politische Lage in den USA und die daraus entstehende Bedrohung der Demokratie treiben den Musiker in diesem Lied um: "Die Zeiten waren hart, genau wie wir es uns gewünscht hatten. Wir waren freie Söhne und Töchter. Wie kann es schon die letzte Runde sein?"
Der emotional ausgeglichene Folk-Pop "Gabriel" ist "eine Erzählung davon, was von Generation zu Generation weitergegeben wird." Das Lied hat MC Taylor für seinen Sohn Elijah geschrieben: "Ich wünsche mir Frieden in deinem Herzen, vergiss das nicht."
Harmonisch aufeinander abgestimmte Pop-, Soul- und Funk-Elemente machen "Heavy World" zu einem sanft swingenden Lied darüber, wie man Freude und Leid in diesen verrückten, unsicheren Zeiten ausgleichen kann, ohne abzustumpfen oder zu verzweifeln. "Betäube dich nicht gegen den Schmerz. Und versuche nicht, ihn zu verstehen." MC Taylor schwebte es vor, einen "düsteren Dub-Rhythmus" in das Stück einzubringen, was er durch das Bass-Spiel von Cameron Ralston verwirklicht sah. Dieses Detail ist allerdings nur dezent ausgeprägt. Viel elementarer treten die weichgezeichneten Bläser und der Hintergrundgesang von Amy Helm und Sonyia Turner zutage, die den Song in ein goldfarbenes Lichtbad tauchen.
Zurück zu den Wurzeln: Traditioneller Mountain-Folk bildet die sorgenvolle Basis von "Alright And Then Some". Eine sehnsüchtig jauchzende Geige, ein einsames, verlorenes Piano, ein bedächtig pumpender Bass und eine heimlich weinende Dobro finden sich als Gleichgesinnte zusammen, um diesem Track die nötige Gefühls-Tiefe zu verleihen. Der Song ist ein weiterer Mutmacher, um Krisenzeiten zu überstehen: "Die Welt ist ein Wirrwarr. Ich versuche, nicht loszulassen." Der Track dreht sich wieder einmal um die Frage: "Wie
bringt es sich mit all dem Leid in der Welt in Einklang, sich gut zu fühlen?" Und sie wird womöglich mit der Haltung: "Dein Sanftmut ist ein Geschenk, an das sie dich nicht glauben lassen wollen“ beantwortet.
Mit "Spirit Cat" gibt es ein weiteres aufmunterndes Stück zu hören. Michael Taylor blickt auf die lange Zeit zurück, die er mit seiner Frau verbracht hat. Die beiden kennen sich seit ihrer Kindheit. Sie erscheint ihm als Erfüllung der spirituellen Liebe, die er sich gewünscht hat. Das Gitarren-Solo von Josh Kaufman rumort und knurrt. Eventuell, um allen Gefahren und Widerständen, die dem Glück im Wege stehen könnten, mächtig die Zähne zu zeigen.
Beim Folk-Gospel "Depends On The River" geht einem das Herz weit auf. Weniger ist manchmal mehr, und deshalb gibt es hier wundervolle intim-fragile Töne zu hören. Laut und schrill sein kann schließlich jeder. Zart und eindringlich können sich nur die Besten ausdrücken. MC Taylor sieht das Stück als "sanften Schlusspunkt an und lobt das feinfühlige Engagement seiner Freunde: "Bläserarrangements von Matt
Douglas sind so entrückt, und Bruce Hornsbys Klavier ist
emotional auf die intensivste Art und Weise ungewöhnlich. Sam Beam hat mit
seiner Stimme etwas Unglaubliches und Spontanes geschaffen." Diesem Wohlklang stellt sich die düstere Poesie entgegen, die ums Verderben kreist: "Und ich bin eine Motte im Licht. Wo ich hingehe, gibt es kein Entkommen."
Vielleicht ist es das humanistisch-empathische Wesen von Michael Taylor, welches seinen Songs diesen herausgehobenen, sympathisch-herzlichen Ausdruck verleiht: "Die
Songs auf 'I'm People' handeln davon, auf Dinge zuzulaufen und vor ihnen
davonzulaufen, von vernünftiger und realistischer Hoffnung und von Erwartungen, Kinder zu bekommen, älter zu werden, von Liebe und Lust und Glück und
Musik. Es sind Lieder über Einsamkeit und Herzschmerz und die Armut des
Geistes, und vielleicht über Gemeinschaft als ein Gegenmittel gegen diese
besonderen Arten von Krankheiten". Auf jeden Fall fühlt man sich immer gut aufgehoben, wenn man Hiss-Golden-Messenger-Musik hört.
MC Taylor sorgt sich um die Zukunft seines Landes und verbindet dies mit seinen eigenen Wünschen und Ängsten: "'I'm
People' ist ein zutiefst menschliches Album und deshalb eines, das unmittelbar,
verletzlich und voller Geist wirken musste; etwas, das man berühren, mitsingen,
mit dem man tanzen kann, etwas, das man erkennt, mit dem man sich
identifizieren kann. Ich weiß, was dieses Album für mich bedeutet, und ich wette, dass es sich nicht wesentlich von dem unterscheidet, was es für andere bedeutet: der Herzschmerz und die Begeisterung, die absolute schwarze Komödie, ein Mensch auf Messers Schneide zu sein, im turbulenten Amerika von heute. Welche andere Wahl haben wir, als hoffnungsvoll zu sein?". So lautet MC Taylors pragmatische Devise für die Erhaltung der psychischen Gesundheit in kranken Zeiten.
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