Verborgene Plattenschätze: The Cruel Sea - The Honeymoon Is Over (1993)

The Cruel Sea erheben die Vielseitigkeit zum Konzept.

 The Honeymoon Is Over, Primär, 1 von 11

The Cruel Sea aus Sydney (Australien) entstand aus einer Laune heraus. Der Punk-Rock-Gitarrist Danny Rumour arbeitete Anfang der 1980er Jahre in einem Pub, und immer, wenn Musiker, die dort auftreten sollten, absagten oder es war niemand gebucht, dann sprang er mit ein paar Kumpels unter dem Namen Sekret Sekret ein und lieferte einen Sound ab, der nach Neo-Psychedelic-Rock und New Wave klang.

Nach sieben Jahren, in denen die ursprünglich auf Instrumentaltitel festgelegte Truppe zeitweise mit dem Sänger David Virgin von den Ugly Mirrors zusammenarbeitete, trennten sich die Musiker. Danny Rumour beschloss Ende 1987, eine neue Band zu gründen, die er nach dem 1964er-Track The Cruel Sea der instrumental agierenden Ventures benannte. Mit von der Partie waren zunächst noch der Schlagzeuger James Elliott, Dee Corben am Bass und sein Bruder Gerard an der Gitarre. Nach ein paar Umbesetzungen entstand 1989 die Idee, ihren Lichttechniker als Teilzeit-Sänger einzuspannen. Und so kam Tex Perkins, der parallel unter anderem mit den Beasts Of Bourbon brachialen, dreckigen Underground-Blues-Rock spielte und dort seine wilde, gurgelnde Stimme intensiv beisteuerte, zur Band.

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Mit ihm als Gast entstand 1990 das Debüt-Album „Down Below“ und ein Jahr später „This Is Not The Way Home“, das Platz 25 in den australischen Album-Charts erreichte. Der endgültige kommerzielle Durchbruch gelang 1993 mit „The Honeymoon Is Over“, das Platz 4 erreichte. Ein schönes Beispiel dafür, dass anspruchsvolle Musik durchaus erfolgreich sein kann, wenn die Randbedingungen stimmen. Dabei gehört schon ein gewisses Maß an musikalischer Toleranz dazu, das Werk in Gänze zu honorieren, weil es so abwechslungsreich ist.

Zur Eröffnung gibt es mit dem „Orleans Stomp“ einen instrumentalen Titel, der sich aus den Bestandteilen eines spritzigen Karibik-Sounds, einer kraftvollen Rhythm & Blues-Taktfolge, hüpfenden Jazz-Akkordfolgen und verspielter Exotik zusammensetzt. Der musikalische Schmelztiegel New Orleans wird lebendig und der bunte, ausgelassene Mardi-Gras-Karnevals-Umzug erscheint vor dem geistigen Auge.

Ohne Pause schließt sich mit dem grandiosen Titel-Track ein energiegeladener, mächtiger, von aufgekratzten akustischen und elektrischen Gitarren angetriebener Garagen-Rocker an, bei dem Tex Perkins seinen ausdrucksstarken, angerosteten, vor Ekstase bebenden Stimmbändern einer heftigen Belastungsprobe unterzieht. Er gurgelt, hechelt und schreit massiv und agiert schweißtreibend-intensiv, dass es eine Freude ist. Das beweist definitiv, dass er einer der auffälligsten Rock-Sänger ist.

„Delivery Man“ ist der undurchsichtige und bedrohliche Bruder vom Song „The Honeymoon Is Over“: vibrierender, schwüler, von hingebungsvollem Gospel und Soul durchdrungener Swamp-Rock vom Feinsten!

Die einzelnen Tracks des Albums wechseln sich zwischen gesangsverstärkten und instrumentalen Stücken ab. Das zweite instrumentale Zwischenspiel heißt „The Right Time“ und verbindet treibende, klirrende, dumpfe und schwirrende Afro-Beat-Rhythmen miteinander.


„Black Stick“ hat einen nahen Verwandten und der heißt „Only After Dark“ von Tito & Tarantula. Zumindest erzeugt 
„Black Stick“ einen ähnlich düster-besessenen Groove. Es fühlt sich an, als würde man an einer Voodoo-Zauber-Zeremonie teilnehmen.

Ohne Worte lässt „Sly Din“ eine hypnotisch getaktete, alternative Surf-Music-Stimmung entstehen, die von einer mitteilungsbedürftigen Slide-Gitarre ausgeht und beherrscht wird.


Mit dem vom Reggae infizierten Mid-Tempo-Pop-Song „Naked Flame“ sind wir wieder im vokalen Bereich angekommen und können entspannt einem milden Lovers-Rock lauschen,

der durch „Woman With Soul“, im Original von Tony Joe White, elegant erweitert wird. Dieses elastische Deep-Soul-Stück ist die ideale Bühne für Tex Perkins, um seine Wandlungsfähigkeit zu demonstrieren. Sein Gesang präsentiert sich hier von seiner "Frank Sinatra"-Seite, nämlich vollmundig, süffig und geschmeidig, denn er kitzelt seine gefühlvollen Crooner-Qualitäten hervor. Und auch so überzeugt er auf ganzer Linie. Wo Tony Joe White bei seiner Interpretation auf einen beherzten Soul-Funk setzt, betonen The Cruel Sea die empfindsame Seite des Songs.

Mit „Seems Twice“ gibt es noch einen spontan improvisiert wirkenden Progressive-Funk-Rock-Track als Zwischenspiel dazu.

„Better Than Love“ taucht dann in eine ausgeglichene, gelassen wirkende Mischung aus souligem Blues-Rock und funkigem Rhythm & Blues sowie swingendem Groove-Jazz ein.

Für „X-N-Pop“ verbinden The Cruel Sea unbeschwerten Pop-Reggae und orgelbetonten Soul-Jazz miteinander zu einer parodistisch angelegten instrumentalen Überleitung, die sich dem Easy-Listening zuordnen lässt.

Reggae bleibt auch bei „Let's Lay Down Here & Make Love“ das steuernde Stilmittel. Darüber hinaus fungiert ein Potpourri aus coolen Jazz-Akkorden, knackigem Country-Twang, unachtsam hingeworfenen Effekten und bewusst schlampig klingendem Pop-Swing als unkonventionelles Schmierstoff. Etwas windschief, aber grade deswegen interessant.


Die holprige Spaghetti-Western-Ballade „Blame It On The Moon“ nimmt Perkins 
durch seinen verführerischen Gesang voll und ganz in Beschlag. Wer nicht seiner Stimme verfällt, hat kein Herz in seiner Brust. Prächtige, unwiderstehliche Sentimentalität.

Über mangelnde Abwechslung und Originalität kann man sich bei "The Honeymoon Is Over" wahrlich nicht beklagen. Die Instrumental-Tracks haben Kopf-Kino-Qualitäten und die Lieder mit Gesang sind raffiniert, ausgereift und besitzen überraschende Elemente. Was will man mehr?

Der Nachfolger von „The Honeymoon Is Over“ hieß „Three Legged Dog“ und kam 1995 heraus. Er schaffte es sogar an die Spitze der Charts – ohne dass dabei die Güte der Songs oder die leidenschaftliche Vortragsweise gelitten hätten. Danach legte die Gruppe eine Pause ein, nahm aber 1998 und 2001 weitere Studio-Alben auf.  

Tex Perkins widmete sich unterdessen seiner Solo-Karriere und nahm mit den Beasts Of Bourbon 1997 die über weite Strecken brutal-wütend tobende Platte „Gone“ auf. Danach arbeitete er wieder mit Don Walker und Charlie Owen zusammen, stellte neue Begleitbands für seine Solo-Aktivitäten zusammen (Ladyboyz, Dark Horses, The Band Of Gold), nahm mit Tim Rogers als TnT auf und ist seit 2021 als Tex Perkins & The Fat Rubber Band unterwegs. Er deckt bei seinen Arbeiten eine Spannbreite von leise-intim bis aggressiv-explosiv ab und ist bei allem, was er tut, stets authentisch und spannend. Merke: Wo Tex Perkins draufsteht, ist auch Substanz drin.

2023 führten die Feiern zum 30-jährigen Jubiläum von „The Honeymoon Is Over“ zur Produktion eines neuen The Cruel Sea-Werkes. „Straight In The Sun“ erschien am 7. März 2025.

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