Brother Wallace - Electric Love (2026)
Erfahrung und Talent sind durch nichts zu ersetzen.
Manchmal überrollt einen eine Platte, die so massiv wie eine unaufhaltsame Flutwelle ist. Widerstand zwecklos. So geschehen mit "Electric Love" von Brother Wallace. Ein unwiderstehlicher Soul-Funk-Rock-Folk-Gospel-Psychedelic-Mix. Straff und stark. Ins Herz und in die Beine gehend. 13 schnörkellose Songs in 42 Minuten.
Christopher Cardell Wallace spielte bereits mit elf Jahren in der Kirche Klavier, leitete mit 14 den Chor, stand mit dem Gospel-Sänger Kirk Franklin auf der Bühne und war Sänger bei der englischen Soul-Rock-Band The Heavy. Mit seinem ersten Solo-Album "Electric Love" kann der sich in den besten Jahren befindliche Musiker 2026 endlich einem größeren Publikum zeigen, was in ihm steckt. Und diese Chance nutzt er mit fordernder Vehemenz, immensem Talent und einem faszinierend-intensiven Einfühlungsvermögen. Leidenschaft, die das ganze Album über anhält.
Leidenschaftlich sind auch die Themen: Schockverliebt. Unstillbares Verlangen. Aber sie hat einen Kerl bei sich. Und sie erinnert ihn zu allem Überfluss noch an die verflossene Liebe. Und schon wieder sieht es aussichtslos aus, was zumindest eine Bekanntschaft angeht. Aber trotzdem will er wissen, wer sie ist. "Who's That?" ist ein einziger Aufschrei, der das Unmögliche erzwingen möchte. Die Vergangenheit zurückholen, schön wär’s. Die Musiker scherzen zu Beginn der Aufnahme, bevor es richtig zur Sache geht. Ein wuchtiger Bass-Drums-Rhythmus räumt alles zur Seite, was da nicht hingehört, und die schneidende, kraftstrotzende Stimme von Wallace macht klar, dass er keine Kompromisse zulässt. Er ist der Chef im Ring. Scharfe Bläsersätze und verbündete Chorstimmen machen aus dem bedingungslosen Stampfen ein sinnliches Begehren.
"You're The Man" entpuppt sich als innovatives Fusions-Monster. Wo sonst hat man schon mal eine Verbindung aus Soul und Funk gehört, die sich auch an Reggae-Rhythmen labt? Der Song fordert dazu auf, mutig zu sein, und sich den anstehenden Herausforderungen mit breiter Brust zu stellen. Die Klänge liefern die aufmunternde Basis dazu, dieses Vorhaben zielstrebig anzugehen.
Die sanftmütige Ballade "Gone With The Wind" berichtet von der Überforderung, die entstehen kann, wenn man immer für alle da sein möchte. Schon eine kurze Auszeit kann da helfen ("Ich schwebe im Wind, der Himmel streift meine Haut. So viel Schönheit sehe ich, jetzt achte ich auf mich.") So hingebungsvoll schmachtet sonst nur noch Al Green.
Der Song "Electric Love" schildert gemischte Gefühle, die von himmelhochjauchzender Verliebtheit bis zu angstvoller Erschöpfung reichen. Aber der schwungvoll treibende Rhythmus, der den Motown-Sound der Supremes und von Marvin Gaye & Tammi Terrell anzapft, reißt alles wieder raus und lässt die Zukunft trotz aller Zweifel rosig aussehen.
Die Piano-Töne knallen wie Schüsse, die aus der Distanz wahrgenommen werden. Und genau darum geht es in "Top Shotta". Um kaltblütige Menschen, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, die keinerlei Empathie kennen und ihre niederträchtigen Gelüste wie unter Drogen befriedigen wollen. Empathie: Fehlanzeige. Die Orgel kreischt dazu unter Schmerzen, und Brother Wallace und seine Gesangsverstärkung verleihen ihrer psychischen Ohnmacht einen deftigen Ausdruck.
Wenn man trotz aller Bemühungen nicht an sein Ziel kommt, dann kommt sogar bei gläubigen Personen das Gefühl auf, es gäbe keinen Gott. Das nagt an deren Seele und am Glauben. "No God In This Town" verfolgt diesen Gedanken, kann natürlich keine Lösung anbieten, sondern nur die Enttäuschung und die entstehende Hilflosigkeit bestätigen. Die Musik geht zu Herzen, rührt zu Tränen und macht betroffen. Brother Wallace ist ein Prediger, der Leid und Kummer nachvollziehen kann und sein Mitgefühl in tröstend-traurige Noten bettet.
Bei "Who Do You Love?" verspricht jemand, die Seele vom Schmerz befreien zu können ("Ich bin ein Mann mit einer Mission. Muss ich das erklären? Ich habe etwas, das dir fehlt. Ich kann den Schmerz lindern.)" Heiler oder Scharlatan, das ist hier die Frage, die unbeantwortet bleibt. Die Band erzeugt einen stumpfen, schnellen Beat, über dem die E-Gitarre hinterlistig quengelt und zerrt. Wallace betätigt sich als Schamane, der sich in Ekstase singt und neben den saftig agierenden Chorstimmen und den verzückt gestimmten Instrumentalisten maßgeblich dazu beiträgt, den Song zum Kochen zu bringen.
Der wehmütig-betrübte Psychedelic-Folk "Any Day Now" wird von schwebenden Streichern zunächst in Sicherheit gewogen. Sie gewinnen jedoch fast unmerklich zunehmend an Einfluss, verdrängen den sphärischen Chor und zersetzen mit den Schlussakkorden auf morbide Weise die bislang friedliche Stimmung. Denn es gibt kein Happy End: "Ich werde diesen Ort verlassen, keine Spuren hinterlassen."
Zeit für Zuversicht: Der geduldige Mann in "A Patient Man" verkündet anfangs zwar gegensätzliche Auffassungen: "Ich kann meine Zukunft nicht von dir abhängig machen. Ich warte, so lange es nötig ist." Er kommt letztlich aber zu der verbindenden und verbindlichen Aussage: "Beende die Suche, denn ich komme." Das Stück vibriert durch seinen zackigen Funk. Das ist ideal für die Tanzfläche.
Die verschlungen-unscharfe Dramaturgie von "Midnight Valley" spielt sich vorzugsweise im mittleren Tempobereich ab. Dadurch bekommt der Track eine geheimnisvolle Aura verpasst, die von kryptischen Texten umrandet wird: "Sieh, dein Schmerz und deine Qual, sie werden mich nicht brechen. Ich bin ein Soldat, der mit gezogenem Schwert kämpft." Geheimnisvoll.
Bei "Jealous" geht es um einen Nebenbuhler und was er beim Eifersüchtigen an Emotionen auslöst: "Dieser Typ, mit dem du gesprochen hast. Hand in Hand. Ist er alles, was ich nie sein konnte? Ist er ein besserer Mann?" Die Angelegenheit wird musikalisch zur Predigt ausgebaut, was durch einen hohen Gospel-Anteil untermauert wird. Entsprechend fehlt es nicht an inbrünstiger Ausdruckskraft und flammendem Eifer, der den Song mit der Bemerkung "Schlampe" enden lässt.
"Hope Of Fools" setzt sich mit verheerenden sozialpolitischen und wirtschaftlichen Verhältnissen auseinander: "Ich arbeite hart für einen Hungerlohn, habe kaum Geld, um meine Kinder zu ernähren. Die Inflation steigt immer weiter, überall im Land tobt Krieg. [...] Mama ist süchtig, die Schwester ist manisch geworden und ein verrückter Junge hat eine Waffe." Diese katastrophalen Zustände finden ihre Entsprechung in einem introvertierten Piano-Stück, das zusätzlich nur von spärlichen Trommeln begleitet wird. Ansonsten herrscht intensive Sparsamkeit.
"Electric Love" ist zwar ein Erstlingswerk, klingt aber ausgereift und weise. Brother Wallace legt nicht nur seine ganze Energie in die Waagschale, sondern entblößt auch seine Seele. Das kann niemanden kalt lassen, der auch nur ansatzweise an Soul und Funk interessiert ist. Besonders auch deshalb, weil Wallace dieses Spektrum flüssig und unverkrampft erweitert. Und er schreibt zusammen mit dem Produzenten und The Heavy-Gitarristen Dan Taylor erstklassige Songs. Gut möglich, dass es 2026 kein packenderes Album geben wird. Möge dem mit seiner Solo-Karriere spät gestarteten "Soul-Brother" noch eine lange Karriere vergönnt sein.
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