Lesestoff: Thomas Waldherr - In The Summertime. Bob Dylan 1981: Umbrüche, Ausflüge und Anfänge. Ein politisch-popkulturelles Essay
Bob Dylan unter dem Mikroskop: Thomas Waldherr seziert Dylans Neuorientierung aus dem Jahr 1981, in dem es auch einen politischen Wandel in den USA gab.
Worum geht es bei „In the Summertime“ konkret? Der Klappentext informiert:
Bei "In The Summertime. Bob Dylan 1981" geht es zurück in eine Zeit, in der auf unterschiedlichen Gebieten wichtige Weichen gestellt wurden: Bob Dylan kehrt nach drei Jahren von einem fundamentalistisch-evangelikalen Christentum wieder zurück zu freierem Denken und weltlichen Themen, ohne jedoch seinen Glauben an Gott je wieder zu verlieren. In den USA kommt Ronald Reagan an die Macht und es beginnt das Zeitalter des Neoliberalismus, dessen Folgen wir heute in aller Härte spüren. Dylan geht auf Deutschland-Tournee, begeistert seine Anhänger, wird jedoch von der Presse niedergeschrieben. Und ein 17-Jähriger erlebt in Mannheim sein erstes Dylan-Konzert. Dies alles bringt der Autor in seinem Buch zusammen. Ein politisch-popkulturelles Essay für alle, die sich für die Wechselwirkungen von Zeithintergründen und gesellschaftlichen Entwicklungen mit der Musik interessieren.
Autor Thomas Waldherr ist gebürtiger Darmstädter, Jahrgang 1963, und seine Leidenschaft für das Werk und Wirken Bob Dylans begann vor fast 50 Jahren mit „Hurricane“, „Desire“ und der „Rolling Thunder Revue“. Er ist dem Künstler über all die Jahre treu geblieben, auch wenn das in der Born-Again-Phase oder Ende der 1980er zeitweise nicht so einfach war. Waldherr beschäftigt sich auf seinem Blog "I´m In A Cowboyband" ausführlich mit Bob Dylan und Americana. Er ist Redakteur von "Wir lieben Country", ist ständiger Mitarbeiter des „Folker“ und gibt zusammen mit Richard Limbert das Bob-Dylan-Online-Magazin "KeyWest" heraus. Zur amerikanischen Populärmusik und ihren gesellschaftlichen Hintergründen hält er Vorträge und bietet Seminare bei verschiedenen Bildungsträgern an. In Darmstadt kuratiert er seit 2014 eine Americana-Konzertreihe.
Bücher über Bob Dylan gibt es wie Sand am Meer. Das ist kein Wunder, denn schließlich hat der Troubadour eine über 60 Jahre andauernde, kurvenreiche, von etlichen Ereignissen und Legenden geprägte Karriere hinter sich, die mannigfaltigen Stoff für literarische Abhandlungen und Aufarbeitungen bietet. Ob es dabei nun um seine Biografie, seine Diskografie, seine Auftritte, seine nobelpreiswürdigen Texte oder eine Kombination dieser Teilbereiche geht, ist unerheblich. Spannend sind alle seine Facetten, und eine Form davon, nämlich seine frühen New Yorker Jahre, wurde jüngst unter dem Titel "Like A Complete Unknown" verfilmt und brachte den am 24. Mai 2026 schon 85 Jahre alt werdenden Künstler unter Umständen sogar mit einem neuen Publikum in Berührung.
Aber warum ergibt es Sinn, wenn noch weitere Bücher über Bob Dylan veröffentlicht werden? Weil trotz der Fülle noch nicht alles in ausreichend erklärter Tiefe berichtet wurde. Und da kommt Thomas Waldherr ins Spiel, denn bei ihm passt alles zusammen, was zusammengehört. Als Politikwissenschaftler kann er die gesellschaftlichen Ereignisse der USA in einen Zusammenhang mit der jeweiligen Weltlage bringen, sowie den gesamten damaligen Themenkomplex gegen die aktuelle Situation spiegeln.
Als jahrzehntelanger Dylan-Verehrer und ausgewiesener Kenner des Americana-Genres weiß er darüber hinaus Bescheid, wie man Dylans einzelne Arbeiten in seinem Karriereverlauf einzuordnen hat, und kann somit genau ihre Relevanz abwägen. Und es ergeben sich erstaunliche Erkenntnisse, wenn man sich, wie in seinem Buch geschehen, das Jahr 1981 herauspickt und dieses detailliert beleuchtet.
Dabei geht es unter anderem um die tendenzielle Abwendung von Bob Dylan vom radikal praktizierten Christentum und die damit verbundenen Folgen für Text und Musik. Ferner werden das Leben im Kalten Krieg unter dem US-Präsidenten Ronald Reagan sowie die Wahrnehmung des Musikers in Deutschland betrachtet, wo ihn einige Leute immer noch als Verräter an der Protest-Folk-Bewegung ansahen, obwohl sich der Künstler nie gänzlich zu ihr zugehörig gefühlt hat.
Der umtriebige Thomas Waldherr bringt bei seiner Berichterstattung sehr viel Herzblut mit ein. Unverstellt lässt er persönliche Erlebnisse sowie Erzählungen anderer Leute einfließen. Dabei formuliert er exakt, aber nie abgehoben-künstlich. Er ist kein Dylanologe, wie er selbst bekennt, aber ein Experte, bei dem sich Erfahrung und Einfühlungsvermögen perfekt ergänzen. Und diese Kompetenz macht "In The Summertime" zu einem kleinen Prachtexemplar. Abgerundet wird das edle Soft- und Hardcover-Layout durch eine stimmungsvolle, atmosphärisch dichte Cover-Zeichnung von Michael Moravek, der nicht nur als Musiker, sondern auch als Grafiker eine Klasse für sich ist.
Die Veröffentlichung hat 116 Seiten, und ist in jeder Buchhandlung und online zu erwerben. Das Buch erschien am 28.03.2026 und die ISBN lautet 9783565366651.


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