Dawn Brothers - Cry Alone (2025)

Kein Grund zum Weinen: Mit "Cry Alone" ist den Dawn Brothers ein großer Wurf gelungen!


Es ist eine Form der Quadratur des Kreises, die das Dawn-Brothers-Quartet aus Rotterdam in den Niederlanden konzeptionell löst: trotz des Auslebens von maximalem Abwechslungsreichtum bewerkstelligen die Musiker einen einheitlichen, unverwechselbaren, originellen und wiedererkennbaren Auftritt.

Credit: Latoya van der Meeren

"Cry Alone" ist bereits das achte Album, auf dem die Dawn-Brothers-Musiker Rafael Schwiddessen (Schlagzeug), Bas van Holt (Gesang und Gitarre), Rowan de Vos (Keyboards und Gesang) und Tammo Deuling (Bass und Gesang) zu hören sind. Der Erstling "Staying Out Late" kam 2017 raus und "Late To The Party", der Vorgänger von "Cry Alone", stammt aus 2024. Die zwölf Stücke des neuen Werkes wirken allesamt ausgereift, wurden wendig und kunstfertig arrangiert und strahlen neben entschlossener Leidenschaft auch eindringliche Empathie aus.

Die Eröffnungsnummer "Do Me Wrong" ist ein stabiler Southern-Rock, der psychedelische Elemente injiziert bekam, mit elektrisierenden Gitarren-Beigaben protzt, aber auch eine gehörige Portion Soul und Funk vorweisen kann. Unnachgiebige Wucht und zehrendes Verlangen kennzeichnen das emotionale Spektrum dieser intelligenten, packenden Komposition, die voller gemischter Gefühle steckt. Kein Wunder, denn die Lebenssituation der Erzählfigur ist angespannt, weil seine Beziehung vor einer Zerreißprobe steht ("Es ist mir egal, ob wir uns versöhnen oder streiten").


Auch bei "Can't Let You In, Can't Let You Out" geht es um schwierige Entscheidungsfindungen. Auf diesen sprudelnden, positiv aufgeladenen Track wäre selbst Tom Petty stolz gewesen, hätte er ihn verfasst. Aber dieser schwungvolle Power-Pop ist ein Eigengewächs der Dawn Brothers.


Eine elegante Surf-Gitarre, klagender Gesang, eine große, weit ausholende Melodie und schmachtende Background-Stimmen sind die Hauptbestandteile des bitter-süßen, sinnlich schmachtenden "I Will Never Hold Your Heart Again". Ein gebrochenes Herz bestimmt die Poesie, die das Liebesleid plastisch erscheinen lässt ("Je heißer das Feuer, desto größer die Verbrennung").


Männer weinen nicht, denn das wird als Schwäche gedeutet. So lautet jedenfalls ein weit verbreitetes Vorurteil. Dieser Sichtweise ist sich auch der Protagonist aus "I Cry Alone" bewusst. Er weint heimlich, zum einen, weil ihm die frustrierende Partnerschaftssituation an die Nieren geht, zum anderen, weil er sich seinem Umfeld gegenüber keine Blöße geben möchte. Das Lied offenbart sowohl Pop- als auch Country- und Soul-Wurzeln und wäre in den 1960er- oder 1970er-Jahren aufgrund seines eingängig-sympathischen und Melodie-verliebten Charakters wahrscheinlich ein verlässlicher Radio-Hit geworden.
 

Der treibend-energische, stampfende Rhythm ’n’ Blues von "Seven Year Itch" erinnert sowohl an Little Feat ("Spanish Moon") und The Band ("Don`t Do It") als auch an Ashton, Gardner & Dyke ("Resurrection Shuffle"). Er bestätigt die These, dass es bei einem in die Beine gehenden Song vor allem auf einen hypnotischen Groove, eine einprägsame Melodie und einen Killer-Refrain ankommt. Das Stück erzählt im Grunde genommen davon, dass das Leben leider häufig nicht so abläuft, wie man es sich erhofft. Und davon, dass der Status einer Beziehung in beiden Händen liegt und selten nur eine Person vollständig für das Scheitern verantwortlich ist.
 

"Don't You Weep" stellt sich als listiges, von innerer Spannung angetriebenes Objekt heraus. Das Lied startet unspektakulär-abwartend als ein auf der Lauer liegender Pop, der ein aufmüpfiges Funk-Glitzern in den Augen vorweist. Der Track biegt mehrfach in Richtung einer einschmeichelnden Ballade ab, als wäre Sir Elton John zu Besuch gekommen. Die Emotionen wogen hin und her, Harmonie wechselt sich mit Unruhe ab, was der Klang-Schöpfung zusätzliche Individualität verleiht. Und die
Moral der geschilderten Geschichte ist: Wenn aufgrund von verzehrender Liebe Freundschaften vernachlässigt werden, kann das eventuell zu großem Verdruss führen.

 
Und wenn aus Liebe Hass wird, dann ist das eine aufwühlende, traurige, zumal auch langfristig an den Nerven nagende Angelegenheit. Davon berichtet "Let It Bleed". Das Stück wird von einem dringlich auftrumpfenden Afro-Beat-Rhythmus getragen, der von Fela Kuti stammen könnte und hier als motivierender Impuls für Feuer unter der Oberfläche des undurchsichtigen Thriller-Jazz-ähnlichen Gebildes sorgt.

Man sollte trotz Stress und Belastung nicht aufhören, an sich selber zu denken und im Zweifel einen Gang zurückschalten. Diese Binsenweisheit ist das Thema von "Live A Little". Der Song ist musikalisch in einer Pop-Periode angesiedelt, in der sich der teilweise komplex arrangierte Country-Rock allmählich in Richtung Soft-Rock orientierte. Also etwa Anfang bis Mitte der 1970er-Jahre. In dieser Übergangsphase entstanden Bands wie Firefall, Pure Prairie League, Ozark Mountain Daredevils oder The Amazing Rhythm Aces. Diese Entwicklung ist auch die Geburtsstunde des Yacht-Rocks, mit Vertretern wie Seals & Crofts, Kenny Loggins oder Michael McDonald. Entsprechend spielt sich 
"Live A Little" in einem Umfeld ab, das für einen milden, aber griffigen Groove sorgt, Leichtigkeit und Unbeschwertheit verbreitet und einen schönen Kontrast zwischen künstlerischer Verspieltheit und harmonischer Behaglichkeit darstellt.

 
Was macht man nicht alles, um eine Frau zu beeindrucken? In diesem Fall werden Bücher von F. Scott Fitzgerald, J.D. Salinger und Stephen King ausgeliehen, um bei der Bibliothekarin Eindruck zu schinden. Um "Jack Of All Trades" bei Laune zu halten, quengelt der Bass permanent und versucht, sich auf diese Weise gegen den teils aufgeregten, teils beschwichtigenden Gesang durchzusetzen. Zwischendurch faucht die E-Gitarre kurz wütend und die Rhythmik agiert hyperaktiv.

 
Hinsichtlich des Tempos überholt "Humble Call" seinen flotten Vorgänger "Jack Of All Trades" und plustert sich gekonnt, effektiv und mitreißend als selbstbewusster Voodoo-Blues-Pop auf. Inhaltlich geht es nicht so temperamentvoll zu, denn die beschriebene Trennung hat beim Verlassenen förmlich zum "Broken-Heart-Syndrom" geführt ("Du hieltest mein Herz. In der Handfläche deiner Hand. Du nahmst es weg. Und du hast mich im Graben liegen lassen").
 

In einem herausforderndem Mid-Tempo-Fake-Karibik-Sound ertönt das stilistisch unscharf gestaltete, sich mondän dahinschleppende "You Know Why" in einer überwiegend trüben Umwelt. Phasenweise klingt das verschreckt oder mahnend. Der Text kündigt eine menschliche Tragödie an, lässt das Ende aber offen.
 

Gesanglich gibt es bei "I Don't Think I've Ever Really Had It" schon recht bald eine Kehrtwende. Das Stück beginnt mit einer Stimmlage, die an den nachdenklich-dunklen Tonfall von Mark Lanegan erinnert, der sich aber zunehmend in eine hellere, euphorische Variante verändert. Der Track ist im Prinzip aufgrund seiner schillernd-verspielten Abläufe und den unorthodoxen Tempo- und Dynamik-Wendungen dem Psychedelic-Rock zuzuordnen. Ein voran eilender Swing lässt jedoch nicht zu, dass sich Drogen-schwangere Ego-Tripps verselbständigen könnten. Die Kompaktheit der Komposition ist der Band nämlich wichtiger als eine improvisatorische Fantasie-Auslebung. Aber was ist es eigentlich, was der Protagonist vermisst und letztlich für einen Trugschluss hält? Ist es die wahre Liebe oder das totale Glück? ("Ich habe nach etwas gesucht, das nicht existiert. Also liegt es an mir, ob ich frei sein werde").


"Cry Alone" beschäftigt sich oft mit tragischen Zweierbeziehungen, schaut ins Innere und hat ein Herz für die Gescheiterten. Das Album steckt voller Überraschungen, ist stilistisch nicht nur einer Sparte zuzuordnen und glänzt mit einem Füllhorn an Ideen. Es kann eine transparenten, aber dennoch vollen Sound und instrumentelle Reize vorweisen, die die Songs zu ganz besonderen Leckerbissen werden lassen. Grade auch wegen der vielen Bezüge zur Pop-Historie. Und der Sänger Bas van Holt hat für sich eine Ausdrucksform gefunden, die jede gewünschte Gefühlslage optimal abdeckt. Dabei spielt es keine Rolle, ob er die vorhandene Grundstimmung bestätigt oder einen Gegenpol dazu bildet. Er meistert jede Herausforderung (zeitweise mit Unterstützung seiner den Raum füllenden Gesangs-Kollegen) souverän, ohne emotionale Brüche. Dabei ist es egal, in welchem Gebiet oder in welcher Stimmung die Gruppe grade unterwegs ist.
 
Für Anhänger und Anhängerinnen des anspruchsvollen, ausgereiften, Genre-sprengenden Pop ist "Cry Alone" sicher eine willkommene Bereicherung des Horizontes und ein höchst befriedigendes Hör-Vergnügen. Tolle Band, tolle Platte!
 
 
Der Tourneeplan der Dawn Brothers für den Frühling 2025:
 
 

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