Fink - The City Is Coming To Erase It All (2026)

Die Stadt als Metapher für einen künstlerischen Sehnsuchtsort und als naturfressendes Monster.

Fink-Musik lässt sich grob als Trance-Folk beschreiben. Das ist eine Spielart, bei der traditionelle, akustische Singer-Songwriter-Strukturen häufig auf hypnotisch wiederkehrende Tonfolgen treffen. Dadurch entsteht ein Groove, der die anteiligen, schwelgend-lieblichen Harmonien aus ihrer Besinnlichkeit herauslockt und den monotonen Taktfolgen ihre distanzierte Fremdartigkeit nimmt. Es kommt dabei unter Umständen ein Gespinst zustande, das die Gedanken von den Einschränkungen der Realität befreit und sie bereit für neue Erfahrungen macht. Eine meditativ-rauschhafte Situation, die sich vorzüglich auf Albumlänge auszahlt, weil es unter Umständen eine Weile braucht, bis man sich diese eigentümlich-suggestive Stimmung einverleibt hat.

Seit 2000 beschäftigt sich Fin Greenall, der Kopf von Fink, mit Tongebilden, die zurückhaltende Sensibilität und aktive Rhythmik miteinander verbinden. Zunächst mit massiver Unterstützung von elektronischen Instrumenten, die ihm eine Zuordnung zum Folktronic-Genre einbrachte. Aktuell werden diese Möglichkeiten nur noch dezent verwendet. Fink setzte im Laufe der Jahre mehr und mehr auf einen natürlichen Klang. Diese sukzessive Veränderung führte dazu, dass er seine eigene Marke entwickeln konnte. Ähnlich wie JJ Cale oder Jack Johnson ist er mit seinem Stil sofort zu identifizieren.

Credit: Paolo Zambaldi

Mit acht Minuten und dreizehn Sekunden ist der Opener "Wishing For Blue Sky" der längste Track des Albums. Ein mutiger Schritt, der zeigt, dass es Fin Greenall nicht darauf ankommt, seine Anhänger mit leicht eingängigen, schnell zu verarbeitenden Liedern um den Finger zu wickeln. Er möchte, dass man seine Songs erobert, indem man sich konzentriert und gleichzeitig die Seele baumeln lässt, um in einen Zustand von entspannter Aufmerksamkeit zu gelangen. Erst dann eröffnen die Tondichtungen ihren melodischen und atmosphärischen Reichtum.

Das habe ich am eigenen Leib zu spüren bekommen: Bei den ersten Hördurchgängen war ich nicht voll bei der Sache. Eine solide Angelegenheit, das neue Fink-Album, analysierte ich danach, nicht mehr und nicht weniger. Als ich aber hellwach beim entspannten Spaziergang mit meinem Hund Emil in Genießerstimmung war, traf mich die Musik ins Mark. Und besonders "Wishing For Blue Sky" entpuppte sich als eines der geheimnisvoll-verschlungensten Lieder von Fink. Mit zum Heulen schönen Melodie-Fragmenten, himmlisch beseelten Harmoniegesangseinlagen und intelligent strukturierten, exotischen Leitmotiven. Die Worte erzählen von dem unbändigen – eventuell jugendlichen – Verlangen, Wünsche wahr werden zu lassen und sich dafür mächtig ins Zeug zu legen. Nur wenn man für seine Vorstellungen brennt, hat man eine Chance, dass sie auch in Erfüllung gehen. Diese Annahme beinhaltet eine magische Komponente, genau wie die Musik!

Das Trio Fink besteht aus den traumwandlerisch miteinander eingespielten Musikern Fin Grenall (Gesang, Saiteninstrumente, Piano, Effekte), Guy Wittaker (Bass) und Tim Thornton (Schlagzeug, Percussion, Gitarre). Sie haben wieder außerordentlich sensible Partnerinnen und Partner für ihr Projekt gewinnen können: Charlotte Schnurr bringt es fertig, mit ihrer Violine zu Beginn von "Does The Shade Choose Who To Comfort" eine dunkle, frostige, von allen guten Geistern verlassene Atmosphäre zu erzeugen. Wie Vantablack, das schwärzeste Schwarz, schlucken die Töne fast sämtliches Licht. Die undurchsichtigsten Szenen der Fantasy-Serie "Game Of Thrones" (und da gab es einige von) erscheinen vor dem geistigen Auge. Fink löst diese Tristesse durch ein hypnotisches Akustik-Gitarren-Riff ein wenig auf, hält aber mit seinem von Bedenken belasteten Gesang die morbide Ausstrahlung aufrecht. Unheil ahnend, werden die Zeilen: "Ich verspreche, nicht vor den Antworten davonzulaufen, die schnell und zahlreich kommen" zu einem Mantra, das Schlimmes befürchten lässt. Fin versteht, wie man mithilfe von wenigen Bestandteilen eine eindringliche Wirkung erzeugen kann, und erschafft ein dreidimensionales Kopfkino!

Mit dem Satz: "Wie ein Traum bei wachem Blick" beginnt "Two Magpies" und diese Formulierung sagt viel über das Empfinden aus, das sich generell beim Hören von Fink-Songs einstellt. Dieses Mal ist es Maarten Vos mit seinem Cello, der für wohlig-schaurige Schwingungen im Intro sorgt. Doch danach vertreibt Fins akustische Gitarre mit sonnigen, spritzig-unnachgiebigen Akkorden schlagartig das Leichentuch-Klima. Alle weiteren Versuche des Streichinstrumentes, den Grauschleier zu reaktivieren, schlagen fehl. Das Lied fängt eine für Außenstehende vielleicht unbedeutende Sequenz ein, die jedoch eine Assoziation von Fins Liebe zu seiner Tochter darstellt: "Während die Sonne sinkt, fällt unser Blick auf zwei Elstern im Garten. Und du weißt, was das bedeutet – nicht wahr, Liebling? Es bedeutet Freude." Wer die kleinen Freuden im Leben zu schätzen weiß, der weiß, was Glück bedeutet.

Unter belastenden Bedingungen kann eine berufliche Karriere die Persönlichkeit eines Menschen stark beeinflussen oder sogar zerstören. Nahezu jeder Mensch kennt das, aber nur wenige haben aufgrund von monetären Zwängen die Möglichkeit, aus diesem ungesunden Hamsterrad auszubrechen. Dieser Aspekt ist nur einer der poetischen Kerne von "Memorise Your Senses". Der Kontrast aus abgeklärtem Gesang und angsteinflößenden, gleichbleibenden Rhythmen sowie geheimnisvoll angespannten Tönen macht einen erheblichen Reiz der Komposition aus. Und die entstehende Reibung erzeugt anregende Wärme.

Ist mit den dunklen Rändern, denen bei "Dark Edges" unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet werden, etwa die Aura eines Menschen gemeint? Oder sind es die unsichtbaren Linien, die wie Grenzen wirken und verhindern, dass wir uns ungehemmt darstellen mögen? "Dunkle Ränder winden sich um dich wie Efeu. Ich sehe darin einen Silberstreif am Horizont." Der Text bleibt undurchsichtig. Und das ist gut so, denn diese Unverbindlichkeit passt zum abwechselnd straffen und sphärischen Ablauf des Stückes. Das Unbekannte entfacht Neugier.

"Keeping You Awake" ist wahrscheinlich der lyrisch stärkste Track auf "The City Is Coming To Erase It All". Mit einer sanften, bildhaften Poesie wird das Werden und Vergehen im Kreislauf des Lebens beschrieben: "Der Himmel leuchtet am blauesten, kurz bevor das Herz bricht." "Vom Samen zur Blüte, zum Baum, zum Brennholz." "Unter den sich braun färbenden Blättern liegt die süße, süße Stille des Grabes." Diese Überlegungen werden in einen melancholischen Folk-Jazz gekleidet, der von beschwörenden Trommeln begleitet wird. "The City Is Coming To Erase It All" wurde vom innovativen Singer-Songwriter Michael Chapman beeinflusst, speziell vom prägenden "Fully Qualified Survivor" aus 1970. Die Verehrung seines Wirkens führte so weit, dass nur Equipment verwendet werden durfte, welches vor 1975 gefertigt worden war. Fin erklärt zur Philosophie dieser Vorgehensweise Folgendes: "Ich suche keine Retro-Fotokopien – ich habe ja Michael-Chapman- und Joni-Mitchell-Alben. Ich will etwas Neues, aber mit demselben Geist erschaffen", wie aus der Ära "als der Song König war und ein guter Song alles verändern konnte."

Ein Blick zurück, der ohne Trauer oder Zorn verpasste Gelegenheiten Revue passieren lässt, spielt sich in "I Buried All The Answers" ab: "Ich sollte Reue empfinden, doch das tue ich nicht", "Ich sollte verbittert sein, doch die Erinnerungen schmecken so süß", "Ich sollte mich nach mehr sehnen, doch ich bin randvoll erfüllt." Die beiden zwölfsaitigen akustischen Gitarren vermitteln den Eindruck, als würden sie die Zeit schneller ablaufen lassen. Der stoische Takt klickt und klackt dazu wie das durch unterschiedliche Zahnräder ineinandergreifende Innenleben einer Standuhr. Und die Violine übernimmt zwei Rollen: eine bremsende und eine beschleunigende. Was für ein entzückendes Verwirrspiel!

Bei dem instrumentalen "Spirit Of Place" verschmilzt Fink scheinbar mit dem 2024 verstorbenen Ausnahmegitarristen Ralph Towner und taucht mit seiner Akustikgitarre genau wie Towner in ein versponnenes Netz aus introvertiert-improvisierten, spirituell motivierten Klängen und schwebenden Schwingungen ein, die innere Ruhe und eine konzentrative Entspannung fördern, ohne das Gehirn zu verkleistern. Eine akustische Verbeugung vor dem Zen-Buddhismus!

 

Für "The City Is Coming To Erase It All“, den Nachfolger von "Beauty In Your Wake" aus 2024, tauschte Fin Grenall seinen bisherigen Wohnort Berlin mit den rauen Landschaften seiner Heimat Cornwall. Die dabei erfahrenen, polarisierenden Eindrücke inspirierten den Albumtitel. Beruflich möchten die Fink-Musiker nicht auf Tourneen verzichten, die ein Stadtleben nötig machen. Privat wünschen sie sich, dass das Wachsen der Städte nicht weiter den Zauber der Natur zerstört. Diese unterschiedlichen Sichtweisen spiegeln sich unter anderem in der Verwendung von verschiedenen Rhythmusfiguren wider, die entweder mechanisch kontrolliert oder ethnisch verwurzelt ablaufen. Die Musik hinterlässt den Eindruck, als würde Greenall einen Schlüssel besitzen, der ihm phasenweise Zugang zu einer mystischen Welt verschafft. Sein schwelgend-pulsierendes Kompositionsgebräu besteht vornehmlich aus geballter, andächtiger Frömmigkeit, vernebelt-geheimnisvoller Mythologie und energiegeladenen, ekstatisch-orgiastischen Rhythmen.

Fin Grenall betätigt sich als Sound-Innovator und er hat es in dieser Disziplin weit gebracht. Er befindet sich immer noch auf einer langen musikalischen Reise, auf der er sich einen eigentümlichen Klang-Kosmos erarbeitet und vielleicht auch einen neuen Heimathafen gefunden hat. Allerdings ist sein Entdeckergeist noch nicht befriedigt: "Ich will mehr lernen. Ich will wissen: Stehe ich auf nigerianischen Highlife oder sambische Beats." Wer weiß schon, wohin ihn diese Erforschung führen wird?

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