Bedouine - Neon Summer Skin (2026)
Bedouine - eine sanftmütige Friedensbotschafterin.
Neun Jahre sind es her, seit Azniv Korkejian als Bedouine 2017 mit ihrer ersten Platte auf sich aufmerksam machte. Am 5. Juni 2026 erschien mit "Neon Summer Skin" ihr viertes Werk, das von dem Besuch ihrer Familie in Saudi-Arabien und den damit verbundenen hochgespülten Erlebnissen und Familiengeschichten angeregt wurde.

"On My Own", der Eröffnungs-Track von "Neon Summer Skin", lenkt den Blick zurück in die Kindheit, als es noch eine unbekümmerte Geborgenheit gab. Dazu gehören auch Erinnerungen an das Gerede auf den Fluren und an den ständigen Streit der Brüder, aber vor allem ist das Gefühl, zu einem füreinander einstehenden Familienverbund zu gehören, ein prägender Einfluss gewesen. Aus aktueller Sicht kommt das Gefühl der Entwurzelung hinzu, weil der Verlust der Heimat und der ständige Kontakt zur Familie inzwischen weggefallen sind. Bedouines Stimme gleitet schwerelos durch die Noten, ohne Reibung zu erzeugen. Das Mellotron trägt mit seinen weichen Tönen dazu bei, dass zunächst der Eindruck einer lieblichen Piano-Ballade entsteht. Die Akkord- und Instrumentendichte nimmt dann stetig zu und auch die Dynamik bekommt Zuwachs. Das sechseinhalb Minuten lange Stück mutiert somit fast unmerklich von einem kunstvoll verschnörkelten Pop-Song zu einem sachte tänzelnden Folk-Jazz, bei dem die Textwiederholungen einen hypnotischen Effekt erzeugen. Die letzte Minute gehört dann einer instrumentalen, sphärisch-verträumt geformten Spielerei. Dieses Konstrukt legt einige neue Wege in Bedouines musikalischer Entwicklung offen!
Beim Lied "Neon Summer Skin" fällt sofort die von Bedouine gesäuselte, warm-verhüllende Posaune auf, die eine angenehme, beruhigende Atmosphäre erzeugt. Das passt genau zur Untermalung des Inhalts: Es wird der Wunsch nach Wiederkehr der Nestwärme, die Azniv als Kind verspürte, übertragen. Das ist ein Moment des inneren Friedens, bevor gnadenlos erkannt wird, dass dieser Zustand unwiederbringlich verloren ist. Bedouine lässt sich diesen Schock stimmlich nicht anmerken, denn ihr Gesang fließt ohne Anstrengung, sodass er sich wie ein schützender Schleier auf die Seele legt. So entsteht purer Wohlklang!
"Canopies (Intro)" beinhaltet einen Kommentar der Mutter von Bedouine zu ihrem erzwungenen Heimaufenthalt, als sie sieben Jahre alt war.
Brasilien hat uns die Bossa Nova geschenkt und "Deghma Cheega" profitiert nun davon. Der Track, der in armenischer Sprache gesungen wird, verbreitet die Einsicht, dass man sich nirgends richtig wohlfühlen kann, wenn man ein auf der Flucht befindlicher Vertriebener ist. Das Lied vereint beschwingte Rhythmen, lustiges Pfeifen und sentimentale Streichinstrumententöne zu einer würdevollen Heiterkeit!
Mit "Na Na Na" setzt sich die luftig-leichte Ausstrahlung von "Deghma Cheega" wie ein vertrauter, lange ersehnter Zustand fort und stellt die Frage: "Warten wir nicht immer darauf, dass die Farbe trocknet?" Verschleudern wir unsere Lebenszeit also damit, auf bessere Zeiten zu hoffen, statt aktiv zu werden? Eine banale Frage zu belangloser Musik? Keineswegs! Sondern eine pfiffige Alltagsphilosophie, die mit einer eleganten, melodischen Leichtigkeit verknüpft wird!
Mit "White Patent Leather" steuert Bedouine ein dunkles Chanson bei, das auch unter Art-Pop einsortiert werden kann. Das Tempo ist schleppend und der Gesang wirkt schläfrig, ohne dass er dadurch an Ausdruckskraft einbüßt. Wallende Geigen lassen einen aufkommenden Sturm, der die Äste der Bäume wild bewegt, vor dem geistigen Auge entstehen. Das Stück hat jedoch einen anderen Hintergrund: Es wird darüber nachgedacht, ob traditionelle, blutige Rituale, wie ein Opferlamm zu Hochzeiten, noch zeitgemäß oder einfach nur widerlich sind. Ein mächtig ergreifendes, kluges Stück!
Mit "Canopies (Solo Piano)" folgt zum Abschluss eine instrumentale Miniatur, die das Gemüt versöhnlich stimmt, räumliches Hören anregt und die emotionalen Wogen der nahegehenden Song-Inhalte glättet!

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