Rebel Island Soul (2026)
Coole Sounds für heiße Tage.

Die Zusammenstellung "Rebel Island Soul" vom Londoner Soul-Jazz-Records-Label trägt den Untertitel "Under The Influence: Reggae, Funk & Soul in Jamaica in the 1970s". Dieser weist darauf hin, worum es bei dieser Platte geht: In den 1970er Jahren waren US-amerikanische Soul-, Funk- und Disco-Songs bei Musikern aus Jamaika überaus beliebt. Diese wurden deshalb gerne und oft in einen Ska-, Rocksteady- oder Reggae-Sound überführt. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich "Rebel Island Soul" überwiegend.
Der Anfang der Zusammenstellung ist für John Holt mit "You’ll Never Find Another Love Like Mine" reserviert. Das Lied nahm zuerst Lou Rawls 1976 als schmachtenden, tanzbaren Philly-Soul auf. John Holt machte im selben Jahr aus dem leichtgewichtigen Original-Titel einen entspannten Soul-Reggae, der natürlich mit einem kräftig wummernden Bass aufwartet. Holt singt zudem verführerischer als der schmalzig-süßliche Lou Rawls. Er lässt echtes Verlangen, sinnliche Hingabe und unnachgiebiges Werben erkennen. John Holt war ein versierter Sänger, der seit Anfang der 1960er Jahre seine Stimme ausdrucksvoll um die Noten legte. 1965 schloss er sich der Gesangsgruppe The Paragons an und war tatkräftig an der Begründung des Rocksteady-Sounds beteiligt. Zu seinen bekanntesten Kompositionen zählt "Tide Is High", die in der Fassung von Blondie 1980 zum Welthit aufstieg.
"Be Thankful" hat eine klare, einfache Botschaft: "Sei dankbar für das, was du hast". Cornell Campbell verkündet dies mit seiner klaren, hellen Stimme, die ihn jünger erscheinen lässt, als er bei der Aufnahme tatsächlich war. Die Single erschien 1977, da hatte Campbell bereits 32 Jahre auf dem Buckel, er klingt aber durch sein frisches Falsett wie ein Jungspund. Den Song hat er von William DeVaughn ("Be Thankful For What You Got") entliehen. Das war ein Regierungsangestellter und Hobby-Soul-Sänger, der den coolen Funk-Track 1972 schrieb und 1974 in die Charts führte. Er wurde später auf Platz 374 der "500 Greatest Songs of All Time" des "Rolling Stone Magazine" gewählt. Die Reggae-Version von Cornell Campbell richtet sich an dieser lässigen Form aus, findet aber ihre eigenen, Easy-Listening-Ausdrucksmöglichkeiten.
"Feel Like Making Love" aus 1977 ist die einzige Veröffentlichung von Elizabeth Archer & The Equators. Schade eigentlich, denn das Ensemble zeigt eine eigenständige Lovers-Rock-Fassung des Hits von Roberta Flack, die sich durch jugendliche Unbekümmertheit auszeichnet. Das klingt wesentlich bodenständiger als Flacks schön-elegante 1974er-Soul-Jazz(!)-Vorlage.
"People Make The World Go Round" ist ein Song, der atmosphärisch vom Kontrast zwischen sich ankündigender Bedrohung und hoffnungsvoller Erleichterung lebt. Das gilt sowohl für die Ursprungsversion von The Stylistics aus 1972, als auch für das Reggae-Pendant aus demselben Jahr von The Chosen Few. Beide Interpretationen werden von den Gesängen ihrer Frontmänner geprägt, die ihre Stimmen in hohe Ton-Gefilde schrauben. Eine Unterscheidung nach weiblichen und männlichen Schwingungen wird dadurch außer Kraft gesetzt. Die Tracks unterscheiden sich im Wesentlichen nur noch durch ihre rhythmische Ausrichtung.
"Double Barrel" von Dave & Ansel Collins war 1971 erst insgesamt der zweite Reggae-Nummer-1-Hit in Großbritannien, nach "Israelites" von Desmond Dekker im Jahr 1969. "Single Barrel" von 1975 stammte auch von Dave Barker & Ansel Collins, hat aber ansonsten nichts mit "Double Barrell" gemeinsam. Das von quietschenden Synthesizern dominierte Stück "Single Barrel" ist vielmehr eine Bearbeitung von "Born To Love You" von The Sensations. Dieser Rocksteady-Titel wurde ursprünglich von The Jackson 5 im Jahr 1969 aufgenommen.
Blaxploitation ist eine Sex-&-Crime-Gattung aus den 1970er Jahren, bei der die Detektive dunkelhäutig, oft grob und kaltschnäuzig waren. Zu den Genre-Klassikern gehört „Shaft“ von 1971 mit Richard Roundtree in der Hauptrolle. Den Soundtrack steuerte Isaac Hayes bei und The Now Generation lieferte diese instrumentale Funk-Reggae-Version der Titelmelodie ab, die sich als B-Seite auf der vokalen Variante von The Chosen Few befand.
Die in Großbritannien ansässige jamaikanische Gruppe The Marvels spezialisierte sich auf die Bearbeitung von Soul-Songs. Diesen verliehen sie eine zarte Pop-Oberfläche, um auch außerhalb der Reggae-Charts Gehör zu finden. The Mohawks waren Studiomusiker, die The Marvels 1970 bei "Some Day We’ll Be Together" begleiteten. Der Track hatte schon acht Jahre auf dem Buckel, als er für Diana Ross & The Supremes im Jahr 1969 zur Abschiedssingle wurde. Allerdings war von den Supremes nur Diana Ross an dieser mit einem leicht melancholischen Refrain ausgestatteten, melodisch hochattraktiven Aufnahme beteiligt. Ein perfekter Soul-Pop-Song!
Die Antikriegs-Hymne "War" ist aufgrund des Erscheinungsdatums 1970 untrennbar mit dem Vietnam-Krieg verbunden, hat aber eine zeitlose Relevanz ("War. What Is It Good For? Absolutely Nuthin`") Gegen die stürmisch-wütenden Originale von The Temptations und Edwin Starr wirkt die Reggae-Übernahme von The Darker Shades Of Black resignierend und emotional überfordert. Auch eine Sichtweise, die man nachvollziehen kann, bei all dem Irrsinn.
Die Ballade "Private Number" stammt von Judy Clay & William Bell und kletterte 1968 bis auf Platz 7 der US-R&B-Charts. Eigentlich wurde der Song für Otis Redding geschrieben, aber da er kurz vor den geplanten Aufnahmen im Dezember 1967 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, blieb das Projekt unvollendet. Die emotionale Tiefe, die Clay & Bell durch ihren hingebungsvollen Gesang erreichen, versucht Winston Curtis bei seiner Reggae-Bearbeitung durch einen warmen, geschmeidigen Sound hinzubekommen. Das hat eine eingängigere Qualität, berührt aber dennoch.
Genie und Wahnsinn liegen oft dicht nebeneinander. Ein Beispiel dafür liefert der Werdegang von Lee "Scratch" Perry. Der einflussreiche Komponist, Produzent und Musiker war bekannt für seine innovativen Sounds und sein exzentrisches Auftreten. Zweimal ging sein Tonstudio samt fertiggestellter Musik in Flammen auf und es konnte nicht abschließend geklärt werden, ob Perry eventuell selbst der Brandstifter war. Den skurrilen, mit Sprechgesang versehenen "Bathroom Skank" erfanden Lee Perry & The Upsetters 1973. Das Stück ist eine alternative Anleitung zur Sauberkeit, die wohl nicht ganz ernst gemeint ist: "Dreh das Wasser auf und hör dir diesen musikalischen Kracher an, der aus King Tubbys Hauptquartier kommt. Halt dich fest und tanz den "Bathroom Skank". Komm diese Stunde von deinem Turm runter und nimm eine musikalische Dusche."
Warum es "Watch This Sound" von Slim Smith auf diese Zusammenstellung geschafft hat, ist nicht so ganz klar. Es handelt sich dabei um eine Cover-Version von "For What It`s Worth" von Buffalo Springfield. Der Westcoast-Rock-Song wurde 1966 von Stephen Stills geschrieben und basiert auf den Unruhen, die damals Los Angeles aufgrund von Ausgangssperren, die die angesagten Klubs am Sunset Boulevard betrafen, in Aufruhr versetzten. Es handelt sich bei der Vorlage also weder um Soul, Funk oder Prä-Disco, noch stammt die Bearbeitung von Slim Smith aus den 1970er Jahren, sondern von 1968. Trotzdem ist es ein Mehrwert, dass diese langsame, originelle Variante für "Rebel Island Soul" Verwendung fand.
"Sitting In The Park", gesungen von Winston Francis, kam 1976 auf den Markt. Francis wurde in Kingston geboren, begann seine Karriere allerdings 1965 als Gastsänger von Carlos Malcoms Afro-Jamaicans auf einer Tournee durch die USA. In den 1970er Jahren zog er nach Großbritannien, wo sein Soul-Reggae mit zur Entwicklung des sogenannten Lovers Rock führte. Winston Francis setzt seine scharmanten Crooner-Qualitäten geschickt ein, um die üppig-saftige Instrumentierung von „Sitting In The Park“ aufzulockern und dem Stück einen leichtgängigen Flow einzuhauchen. Die Ursprungsversion des Liedes stammt von Billy Stewart, der 1966 durch seine unkonventionelle, großspurig-opulente Version des George-Gershwin-Songs "Summertime" aufgefallen war. „Sitting in the Park“ nahm er 1965 als überzogen sentimentale Einspielung für das Blues-Label Chess Records aus Chicago auf.
The Sensations steuern mit "If I Don’t Watch Out" eine weitere Cover-Version eines Titels der Philly-Soul-Gruppe The Stylistics bei. Ursprünglich hieß der am Motown-Soul geschulte Track "If You Don’t Watch Out" und war 1972 die B-Seite der Easy-Listening-Ballade "You`ll Never Go To Heaven (If You Break My Heart)". The Sensations waren Teil einer ergiebigen Künstlergemeinschaft, die zusätzlich die Bands The Techniques und The Uniques hervorbrachte. Für "If I Don’t Watch Out" wird die Harmonie der Melodie prominent herausgestellt und die Stimmung lädt zum entspannten Zuhören ein.
Der Soul-Funk-Rock-Band War, die 1969 in Long Beach, Kalifornien, gegründet wurde, haben wir Hits wie "Spill The Wine" (mit Eric Burden), "The World Is A Ghetto", "The Cisco Kid" und "Low Rider" zu verdanken. Und auch "Slipping Into Darkness" stammt aus deren Feder. Das Stück erzählt von einem Menschen, dessen Freund ums Leben kam, was ihn in eine tiefe Depression stürzte. Den Titel gab es in einer vierminütigen Radioversion und in einer Albumversion, die zum schleichenden, siebenminütigen Latin-Funk-Groove-Monster heranwächst. Carl Bert & The Cimarons, eine Gruppe von jamaikanischen Emigranten aus Großbritannien, haben sich 1974 offensichtlich an der Kurzfassung orientiert, denn sie kommen relativ schnell zur Sache. Sie präsentieren eine Sichtweise, die den Latin-Funk strafft und knackig-saftig aufflammen lässt.
The Darker Shades Of Black haben nur eine Single veröffentlicht, die 1970 erschien und zwei Titel des Psychedelic Soul enthielt. Das Lied "War" ist uns schon begegnet. Der andere Song ist "Ball Of Confusion", der auch von den Motown-Record-Stars The Temptations unter Leitung des Meister-Produzenten Norman Whitfield entstanden ist. Der "Ball Of Confusion" von The Darker Shades Of Black kommt der The-Temptations-Einspielung nah, verzichtet aber auf psychedelische Effekte und wütenden Gesang. Nach etwas über drei Minuten wird der Track abgewürgt, sodass er gar nicht mehr die kämpferische Wirkung des Originals entfalten kann.
Bill Withers ist eine Soul-Legende und sein "Ain`t No Sunshine" aus 1971 ist ein Klassiker, den es in diversen Variationen gibt. Der Titel wurde 1973 von Horace Andy neu eingespielt und Jah Youth verwendete dessen Gesang für seine 1977er-Dub-Light-Version, zu der er weitere Texte beisteuerte.
Die Aufmachung des Tonträgers ist, wie immer bei den Soul Jazz Records‑Veröffentlichungen, beispielhaft. Das Booklet ist sehr informativ und bietet zu jedem Track Hintergrundwissen an. Die eingesetzten Songs wurden tontechnisch behandelt, weisen aber trotzdem Fehler auf. Häufig gibt es als Tonquelle keine Originalbänder mehr, sondern nur ramponierte, zerschlissene Singles, die nicht mehr exakt funktionieren. Die Musik verfehlt deshalb nicht ihre entspannend-anmutige Wirkung. Das sind coole Sounds, (nicht nur) für heiße Tage.
Der Radiosender Bayern 2 hat "Rebel Island Soul" in einer Sondersendung seines Podcasts "Pop&Rewind" eine Stunde Sendezeit mit tiefgehenden Analysen gewidmet. Ein toller Beitrag!
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