Ten Years After - Cricklewood Green (1970 / 2026)

Zeigt "Cricklewood Green" den künstlerischen Höhepunkt der Veröffentlichungen von Ten Years After?

Das Woodstock-Festival im Jahr 1969 verschaffte den 1967 in Nottingham gegründeten Ten Years After einen enormen Bekanntheitsschub. Die Dokumentation der Veranstaltung erschien 1970 in den Kinos und zeigte die Engländer mit einer schweißtreibend-furiosen Version von "I`m Going Home", bei der die flink und ausschweifend eingesetzte E-Gitarre von Alvin Lee im Mittelpunkt stand.

Etwa zur gleichen Zeit kam "Cricklewood Green", das vierte Studio-Album der Gruppe, nur etwa sieben Monate nach "Ssssh", auf den Markt. Dennoch wirken die Songs nicht hastig zusammengewürfelt, sondern haben Substanz und stehen dem überzeugenden Vorgänger in nichts nach. Der Plattentitel beruht auf einer kuriosen Geschichte, wie der Bassist Leo Lyons verriet: "Wir steckten mitten in der Hippie-Bewegung, und unser Roadie brachte einige Cannabis-Samen von einer Tournee durch Amerika mit und säte sie im Garten seines Vaters in Cricklewood aus. Sie wuchsen vier Fuß hoch, und es gibt eine Abbildung von dem Gras auf dem LP-Cover."

Das klangtechnisch überarbeitete Werk hinterlässt einen sauberen, transparenten Sound und setzt sich in der Neuauflage aus dem Originalalbum, vier Bonus-Tracks und dem bislang unveröffentlichten zweiten Set des Konzerts aus dem Fillmore East in New York vom 27. Februar 1970 zusammen.

Fiepend-jaulende Töne, wie aus einem Science-Fiction-B-Movie, leiten den Eröffnungs-Track "Sugar The Road" ein. Danach startet das Quartett mit ordentlich Dampf zu einem bissigen Garagen-Rocker mit knurrendem Bass, deftigem Schlagzeug, fauchender Orgel und phasenweise hitziger E‑Gitarre durch. Leider wird der Track nach vier Minuten ausgeblendet. Das Pulver war da bestimmt noch nicht verschossen. Es geht in dem Lied um einen Konflikt zwischen Vater und Tochter: "Er sagt, es gibt nur einen Weg, wie du überlebst: Arbeite weiter für deine Rente, bis du 65 bist." Ein Freund macht ihr klar, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss: "Lebe, wie du willst, lass dich einen Freak nennen. Du bist eine Babyfabrik, wenn du eine Woche verheiratet bist."

Das Leben auf Tour hat seine eigenen Gesetze und fordert manchmal Tribut: "Nun, ich habe versucht, so zu leben, wie ich sollte. Ich habe Tränen vergossen und Blut geschwitzt. Und ich denke, es ist Zeit für eine Pause. Denn ich habe alles ertragen, was ich ertragen konnte." Dieses Bekenntnis wird mit "Working On The Road" als deftiger Blues-Boogie, der sich ungezügelt gebärdet und durch einen raffiniert-eingängigen Refrain auffällt, akustisch untermauert. Die zackig groovende Orgel setzt sich prominent in Szene und das Schlagzeug zischt und galoppiert dazu im zügigen Takt. Die Gitarre ist zunächst in den Hintergrund gemischt worden, erobert sich aber gelegentlich mit stürmischem Vorpreschen die zentrale Position zurück. Und Alvin Lee demonstriert, welch wandlungsfähiger Sänger er ist. Dabei ist er kein typischer Shouter, der sich offensiv ins Geschehen stürzt. Er nutzt hingegen geschickt unterschiedliche Nuancen, die ihm einen breiten Betätigungswinkel verschaffen.

Was als Ballade mit Barock-Pop-Einschüben beginnt, entwickelt sich nach und nach zu einem aufgekratzt-hastigen Hard-Rock: "50,000 Miles Beneath My Brain" stellt erneut die außerordentlichen Fähigkeiten von Alvin Lee an der Gitarre heraus, die sogar von Jimi Hendrix und Jimmy Page (Led Zeppelin) anerkannt wurden. Das Stück lässt aber auch die anderen Bandmitglieder zeigen, was sie draufhaben. Ric Lee erweist sich ständig als versierter, Stabilität, Tempo und Dynamik garantierender Schlagzeuger. Leo Lyons ist ein hart arbeitender, aufmerksamer Bassist mit Übersicht und das Keyboardspiel von Chick Churchill setzt effektive Glanzlichter. Und das alles passiert ohne dumpfe Instrumententechnik-Demonstration. Die Musiker bauen stattdessen lebhafte und gegensätzliche Muster auf, die von der exakten Abstimmung profitieren. Der dazugehörige Text besteht stellenweise aus purer assoziativer Poesie: "Kannst du mich aus tausend Meilen Entfernung hören, wenn du die Sterne anschreist? Kannst du mich zum Jupiter ziehen, wenn ich am Mars hänge?" Das ist psychedelische Rockmusik, bei der allein die Kombination von Worten und Tönen für berauschende Zustände sorgen kann.

Der "Year 3,000 Blues" transportiert eine Horror-Vorstellung, die sich um das bewusste Bewerten und Aussortieren von Menschen dreht: "Sie brachten mich zur Bewertungsstelle und stuften mich als Z ein, wegen Überbevölkerung. Sie sagten mir, ich wäre bald tot". Der Song weist einen höheren Anteil an Rockabilly-Temperament als an erdigem Blues-Fundament auf. Mithilfe von einem klimpernden Bar-Piano, ultra-schnellen Gitarrenläufen und einem gemütlich brummenden Standbass wird als Kontrast zum Text eine muntere Roots-Music-Atmosphäre geschaffen.

Der swingende Jazz-Blues "Me And My Baby" wird locker-flockig und kompetent umgesetzt. Er unterstreicht einmal mehr die Wandlungsfähigkeit der Gruppe. In diesem Umfeld hört sich das Stück allerdings nicht unbedingt innovativ an, weil viele andere Songs eher abenteuerlich erscheinen und hier wird fast ausschließlich auf bekannte Spielarten zurückgegriffen.

Liebe ist so vielfältig, wie es unterschiedliche Charaktere gibt. Die angesprochene Frau bei "Love Like A Man" ist untreu geworden, kehrt aber zu ihm zurück, als es ihm nicht gutgeht. Die Single-Version des Liedes gab es nicht auf der Original-LP von 1970. Den Titel hörte man damals auf jeder Party, bei der Rock-Musik gespielt wurde. Neben "Paranoid" von Black Sabbath, "All Right Now" von Free, "Black Night" von Deep Purple, "Let`s Work Together" von Canned Heat oder "American Woman" von Guess Who. Die Vinyl-Single hatte auf der A-Seite diese Drei-Minuten-Fassung des Liedes, die auf 45 Runden pro Minute abgespielt werden musste. Die B‑Seite beherbergte eine lange Live-Version aus dem Fillmore East, welche mit 33 1/3 Runden pro Minute laufen gelassen werden musste. Bei dem dynamisch unterschiedlich gegliederten Riff-Rocker wurde bei der 45er-Fassung auf den Improvisationsteil einschließlich des Gitarren-Solos verzichtet, was sie radiotauglicher machte.
Single-Version.

Album-Version.
 
Der locker-verspielte, melancholisch veranlagte Country-Folk "Circles" deckt eine weitere Facette der Gestaltungsmöglichkeiten der Musiker ab. Die entspannte, undogmatische Vortragsweise erinnert an den zeitgleichen "Land-Ausflug" der Grateful Dead auf "Workingman`s Dead" und "American Beauty". Thematisch wird das Stück tiefgründig und deckt Zweifel auf: "Spielt es eine Rolle, was ich tue? Gibt es jemanden, der darüber urteilt?"

"As The Sun Still Burns Away" schleicht sich zunächst langsam und bedrohlich in die Gehörgänge, wird aber hinsichtlich seiner Intensität allmählich gesteigert.
 Etwa in der Mitte des Stücks erfährt die Musik einen Bruch. Sie wird zurückgenommen, fast ausgeblendet, und bekommt einen neuen Anfang, der mit Effekten gespickt ist, die wie aus der Geisterbahn klingen. Danach brechen alle Dämme und der Titel ergötzt sich an einem heftigen Bass-Schlagzeug-Gitarre-Wirbel, der ihn tüchtig aufmischt. Ein Track zwischen Demut und Endzeitstimmung: Dass die Sonne jeden Tag wieder aufgeht, ist nicht selbstverständlich, kosmische Katastrophen sind nicht ausgeschlossen. Lasst uns jeden Tag genießen, lautet die versteckte Botschaft.

Die folgenden drei Stücke waren auch nicht auf der Original-LP von 1970 enthalten:

Bei "Warm Sun" muss die Sonne nicht als Bedrohung, sondern als Symbol für erfüllende Liebe herhalten. Die dröhnende Hammond-Orgel wird stellenweise zum dominanten Instrument und versetzt dem teils geruhsam, teils stürmisch verlaufenden, untypischen Blues-Rock entweder Ruhepole oder schweißtreibend-peitschende Seitenhiebe.

Für "To No One" wird einmal mehr mit dem Ten-Years-After-typischen Kontrastprogramm von abgebremsten, schrillen und schnellen Passagen gearbeitet. Orgel und E-Gitarren treiben sich dabei im Geschwindigkeitsrausch gegenseitig an. Hier treffen Progressive-Rock und Punk-Merkmale ungebremst aufeinander.

"Cricklewood Jam (Demo)" ist ein neu entdeckter, instrumentaler Track, der die Gruppe in einem von bewusstseinserweiternden Einflüssen getränkten Licht zeigt. Glitzern-fragile und rauschhafte Gitarren-Töne, entrückte Piano-Klänge und ein Cool-Jazz-Rhythmus zeichnen ineinander verlaufende Farben an die Wände. Da kommen unter anderem "Lorca" von Tim Buckley oder "Just For Love" von Quicksilver Messenger Service in den Sinn.
 
Das bisher unveröffentlichte Konzert aus dem Fillmore East in New York von 1970 verbreitet einen erstaunlich plastischen und transparenten Sound. Neben vier Alvin-Lee-Kompositionen gibt es auch drei Cover-Versionen zu hören: das unkaputtbare, druckvolle "Good Morning Little Schoolgirl" von Sonny Boy Williamson, 
 
das epische "I Can’t Keep From Crying Sometimes", das Al Kooper für Blues Project geschrieben hat und das mit Verweisen auf "Sunshine Of Your Love" von Cream, "Purple Haze" von Jimi Hendrix und "When The Music`s Over" der Doors versehen ist
 
sowie eine flotte Rock-&-Roll-Variation von Chuck Berrys "Sweet Little Sixteen".

Mit einer fast neunminütigen Ausgabe von "Love Like A Man" wird die Show eröffnet. Die Band braucht nur kurz, um sich warmzuspielen, dann legen sie mit einem explosiven Improvisationsfeuerwerk ab, das spontan wirkt, aber schon bei etlichen Konzerten erprobt wurde. 

Durch das rasant vorpreschende "Working On The Road" bringen Ten Years After noch eine extra Portion Beweglichkeit auf die Bühne. 
 
Für "50,000 Miles Beneath My Brain" spielt sich Lee förmlich in einen Geschwindigkeits-Rausch, der durch seine großartigen Mitspieler, die jederzeit auf Ballhöhe sind, zu einem wahren Sound-Tornado hochgeschaukelt wird.
 
Auf "I’m Going Home" scheinen alle gewartet zu haben. Jedenfalls bricht sofort Jubel aus, der nach der Darbietung ausgelassen-frenetisch wird. Die Musiker schrauben die Komposition auf ein gewaltiges Energielevel hoch, das sich unmittelbar auf die Hörerschaft überträgt. Psychedelic-Boogie-Blues auf höchstem Niveau!


Der Zahn der Zeit konnte "Cricklewood Green" wenig anhaben, weil die Platte mit Leidenschaft eingespielt wurde und unterschiedliche Stilmerkmale aufweist. Das macht sie zeitlos, denn die Songs haben Substanz und werden nicht in einfallslosen Jams unnötig ausgedehnt. Was Anfang der 1970er-Jahre im (Blues)-Rock-Bereich ja nicht unüblich war. Im Fokus der Öffentlichkeit stand damals der variantenreiche Sänger, ausdrucksstarke Gitarrist und einfallsreiche Komponist Alvin Lee. Er war einer der "Poster-Boys" seiner Generation. Der LP "Cricklewood  Green" lag dann tatsächlich ein Poster mit ihm bei. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass der kompakte, intensive Sound des Quartetts nur zustande kommen konnte, weil alle Beteiligten außergewöhnliche Beiträge beisteuerten. Mit "Ssssh" und "Cricklewood Green" hat die Formation in ihrem künstlerischen Zenit zwei sehr gelungene Zeitdokumente vorgelegt, die zum Besten gehören, was die Musiker je eingespielt haben.

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