Waiting For Louise - Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss (2026)

Alles ist im Fluss. Und das ist gut so.

 

Es hatte sich bei dem vorigen Album "Rain Meditation" aus 2023 schon angedeutet: Das Quartett Waiting For Louise vom Niederrhein kann seine Kompositionen nicht nur souverän auf Englisch vortragen, sondern findet auch mit deutschen Texten eine spezielle Ausdrucksweise. 

Diese Variante wird für "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss" genüsslich ausgelebt. Waren die deutschen Texte nun eine bewusste Entscheidung oder ergaben sie sich zufällig als Weiterentwicklung? Der Chefdenker der Gruppe, Michael Mann, sagt dazu: "Keine bewusste Entscheidung pro oder kontra "deutsche Sprache". Außerdem mische ich das ja gerne in einem Lied. Auslöser war vielleicht ein Lied auf der letzten CD "Rain Meditation" mit dem Titel "Falsche Propheten". Die erste Strophe kam mir so in den Sinn, ließ sich aber nicht vernünftig ins Englische übertragen, weshalb ich es auf Deutsch gelassen habe. Dabei habe ich gemerkt, dass auch Deutsch für mich gut funktioniert, und habe es bei weiteren Textideen "zugelassen". Der Stand der Dinge ist jetzt: Jede Textidee bleibt in der Sprache, wie es mir ursprünglich einfällt. Und das ist inzwischen mehrheitlich Deutsch. Auf der neuen CD ist nur noch ein Lied rein auf Englisch, weil die Idee eben so war und es keinen Grund gab, sie zu übersetzen. Außerdem habe ich gemerkt, dass beide Sprachen nebeneinander gut funktionieren und eine Grundsatzentscheidung überhaupt nicht notwendig ist."
 
Das 2026er-Werk wurde wieder in der seit Jahren stabilen und perfekt aufeinander eingespielten Besetzung von Ute Rettler (elektrische und akustische Gitarren), Detlef Goch (Perkussion, Glockenspiel, Xylophon, Chorgesang), Johannes Lehmann (Bassgitarre, Chorgesang) und Michael Mann (Solo- und Chorgesang, akustische Gitarren, indisches Harmonium, Mundharmonika, Mellotron, Wurlitzer) eingespielt.

Das Eröffnungsstück „Prinz der Provinz“ ist in ein Easy-Listening-Format eingebettet worden, das elegant, geschmeidig und beschwingt daherkommt. Inspiriert von der aus Samba und Jazz zusammengesetzten Bossa-Nova und einem kunstvollen Folk-Jazz inszenieren die Musikerin und die Musiker einen Sound, der Leichtigkeit transportiert, ohne leichtgewichtig zu sein. Das ist die hohe Kunst der gepflegt-anspruchsvollen Unterhaltung! Gut, dass sich Michael Mann, wie im Text vermerkt, keiner Szene oder keinem Trend zugehörig fühlt. Nur durch Unabhängigkeit können solche individuell zugeschnittenen Lieder zustande kommen. Es lebe die Provinz, wo solche unabhängigen Experimente möglich sind!
Diese Demo-Version befindet sich NICHT auf "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss"
 
Auch "Not My Cup Of Tea" hält ein Plädoyer für das Unangepasste bereit: "Ich tauch‘ nicht gerne ein in den Mainstream. Schwimm lieber da, wo sonst kein anderer ist." Wie ein Funkeln im Dunkeln erscheinen einem die ersten Hintergrundtöne, bevor Michael mit seiner unverwechselbaren Stimme den mystisch-irrlichternden Song mit den Füßen auf den Boden stellt. Die anderen Bandmitglieder erschaffen ab diesem Zeitpunkt mit straffen Bass-, Gitarren- und Schlagwerk-Beiträgen einen kraftvoll-angesäuerten, mit intimen Zuständen gespickten Folk-Rock. Ein Verwirrspiel der Emotionen? Nicht bei Waiting For Louise!

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Mit dem erdig-knarzenden Garagen-Rocker "Friedrichsfeld" geht es angenehm rau weiter. Das wird bestimmt ein Konzert-Favorit. Inhaltlich spielt Michael auf sympathisch-verschrobene Eigenarten an ("Monotonie find ich eigentlich wunderbar. Doch mein Geist ist eher bipolar"), die das Miteinander doch so bunt und faszinierend machen. Zur Textfindung macht er diese Aussage: "Manchmal benutze ich kleine Zaubertricks, wenn mir kein Text einfallen will. Zum Beispiel: Zähle bis 10 und lass dir zu jeder Zahl was einfallen. Ab der Zahl sieben war sogar mehr oder weniger klar, was das Thema des Songs ist. Die grobe Textidee und die komplette Akkordfolge sind sozusagen "First Take" vom 11. März 2024. Danach war nur noch ein wenig Feinschliff vonnöten."
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"Kettenkarussell" basiert auf einem Gedicht von Gerd Hoffmann, das die Musikerin und die Musiker in einen groovenden Folk-Rock-Pop verwandeln. Eine weise Schlüsselzeile lautet: "Stille klingt nicht immer wirklich leise. Und ist doch oft nur zweite Wahl".

Der schöne Text, der auch auf einer Vorlage von Gerd Hoffmann basiert, sowie die charmante Titel-Anspielung auf "Candy Says" von Velvet Underground (das "Louise" auf "New Tricks For Old Dogs" 2008 gecovert hat), verleihen "Katja sagt" einen verheißungsvollen Rahmen. Die Formulierung "Die Maserung auf dem Tisch. Ist wie Falten im Gesicht" bringt die Fantasie auf Touren und der mild gestimmte Art-Rock stimuliert die Hirnareale, die für die Ausschüttung von Dopamin zur Steigerung des Wohlbefindens zuständig sind. Michael Manns Gesang bekam tontechnisch eine raumgreifende Komponente zugeordnet, Johannes Lehmanns Bass ist wie immer ein Garant für Beständigkeit und melodische Verstärkung, die Percussion-Arbeit von Detlef Goch bleibt stets songdienlich und originell und die E-Gitarren-Soli von Ute Rettler sind immer rassig, knackig, berauschend und exakt platziert. Sie sind also nicht zu kurz und nicht zu lang.
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Bei "Gangster auf der Flucht" wird unter anderem eine Haltung beschrieben, die schon bei "Prinz der Provinz" anklang: Der Zweifel wird nicht als Makel, sondern als normaler Bestandteil eines wachen Bewusstseins wahrgenommen ("Und ich fühl mich seltsam klein. Doch Du kannst mir wirklich glauben. Dass ich weiß, was ich will und wie sehr.") Dieser swingende Psychedelic-Rock profitiert vom stabilen, unnachgiebigen Rhythmusgeflecht und den rauschhaften E-Gitarren-Exkursionen, die kontrastreich verlässliche Kontrolle und emotionalen Überschwang zusammenbringen.
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Die Entstehungsgeschichte von "The Road" ist sehr aufschlussreich für das Verständnis des kreativen Schaffensprozesses des Frontmannes: "Ein Lied von der Kategorie "Der Künstler als Schwamm für Einflüsterungen der Muse weiß selber nicht so genau, wovon er da singt". So ist es mir lieber, als Lieder zu singen, in denen eine klare Botschaft vermittelt oder – wenn es gut läuft – eine gute Geschichte erzählt wird. Vielleicht interessiert ja, was ich da am Straßenrand gefunden und ausprobiert habe. Und was das mit dem Traum der letzten Strophe auf sich hat, bleibt auch unklar: Die Zeilen kamen mir morgens unmittelbar nach dem Aufwachen in den Sinn. Oder hab ich da immer noch geträumt?" 
 
In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu erfahren, wie die Lieder eigentlich grundsätzlich entstehen:
Lost & Found: Musik ohne Grenzen: "Sind bei Deinen Kompositionen zuerst die Melodien da und es folgen die Texte oder ist es umgekehrt?"
Michael Mann: "Beides kann passieren. Meist habe ich einige gesammelte Textfragmente und sehr viele musikalische Fragmente, die ich immer sammle und dann bei Bedarf zusammenbringe und gemeinsam weiterentwickle. Ich merke immer recht schnell, wenn diese Text- und Musikfragmente zusammenpassen und es sich lohnt, sie weiterzuentwickeln. Es ist die Ausnahme, dass ich mit einem mehr oder weniger fertigen Text beginne und dann Musik dazu schreibe. "Kettenkarussell" kommt diesem Weg vielleicht am nahesten: Mein Kumpel Gerd Hoffmann hatte einen Text bzw. ein Gedicht "Kirmeskarussell". Dazu habe ich dann die Musik geschrieben, musste aber z.B. noch bestimmt 33% vom Text komplett umschreiben, damit es singbar ist. Da geht es oft um einzelne Worte oder Silben zuviel oder zuwenig, bis es passt. Selber schreibe ich aber keine kompletten Texte, zu denen man anschließend nur noch Melodie und Akkorde hinzufügen muss."

Lost & Found: Musik ohne Grenzen: "Komponiert Du die Stücke aus oder entwerft ihr die Arrangements als Gruppe?"
Michael Mann: "Weder noch bzw. beides. Bis zu einem gewissen Grad weiß ich schon beim Komponieren, wie alles klingen soll, manchmal habe ich sogar komplette Bassläufe für Jo (z.B. "Japanese Guitar") und sogar Gitarrenstimmen für Ute (z.B. die Riffs in "Gangster auf der Flucht" oder dem Titelsong), aber das meiste denken sie sich selber aus. Lockes Perkussionssachen sind komplett eigenständig, nur die Melodien auf Xylophon und Glockenspiel sind alle von mir auskomponiert in Noten, weil Locke eigentlich kein Melodieinstrument spielt. Manchmal gibt es aber auch nur mich und meine Gitarre und alle fügen ihre Beiträge komplett eigenständig dazu, wenn ich das Lied auf einer Probe vorstelle. Deshalb brauchen wir auch zwei bis drei Jahre pro Platte, bis alle Lieder wirklich "fertig" sind und aufgenommen werden können. Meine Overdubs an Keyboards, Mundharmonika und beim Chorgesang sind dagegen meist Sachen, die ich zuhause höchstens ein, zweimal kurz vor dem Studiotermin durchspiele und dann dort improvisiere. Allerdings wusste ich schon beim Komponieren, dass da in "Friedrichsfeld" ein Wurlitzer-Piano drin sein musste. Den Part habe ich allerdings zuhause entwickelt und geübt, weil ich ja kein richtiger Pianist bin und das nicht "mal so eben" spielen kann."
 
Ach ja, und wie klingt "The Road" denn jetzt? Wie ein Garagenrock, der Weite fühlt, Staub riecht und das Herz am rechten Fleck hat. Neil Young & Crazy Horse und die Cowboy Junkies mögen als Referenz die Richtung vorgegeben haben.
Diese Demo-Version befindet sich NICHT auf "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss"
 
Was für ein großartiger, schleichender Gitarren-Rocker "Japanese Guitar'n'Car" ist, kann man nur abschätzen, wenn man zum Beispiel von Televisions "Marquee Moon" begeistert ist. Dessen Qualitäten weist dieser Track mit seinen lang gedehnten Gitarren-Exkursionen, welche sich innig liebkosen und leidenschaftlich ineinander verdrehen, auch auf. Vorzügliche Kost für Liebhaber von exzessiver elektrisch-akustischer Saiten-Kunst! Und dann ist da noch diese herrliche, anregend-poetische Textzeile: "Die Suzuki ist 'ne wunderbare Gitarre. Für 200 Mark, da hab' ich ihr gehört."
Diese Demo-Version befindet sich NICHT auf "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss"

"Elbow Song" ist das einzige Stück auf dieser Platte, das vollständig in englischer Sprache gesungen wird. Und da haben wir es wieder, das Bekenntnis, sich nicht von anderen erzählen zu lassen, was man zu tun und zu lassen hat: "Die Leute sagen mir: "Benutz deinen Kopf". Ich würde ihn lieber in die Wolken strecken." Und es geht außerdem um die Unwägbarkeiten, die zum Leben dazugehören: "Ich habe wirklich keine Pläne für die Zukunft. Was passieren wird, werden wir sehen." Der ausgeruhte Folk-Song beginnt mit wehmütiger Mundharmonika und ein paar ausgeruhten Akkorden auf der akustischen Gitarre, die durch wenige Xylophon-Ton-Spritzer angereichert werden. Es gesellen sich raschelnde Percussion und grummelnde Basslinien dazu, die das Klangbild üppiger gestalten, aber dennoch luftig halten. Michael pendelt sich gesanglich mittig zwischen Nachdenklichkeit und Melancholie ein und die fünf Minuten Laufzeit vergehen durch den empathischen Feinsinn wie im Flug.
Diese Demo-Version befindet sich NICHT auf "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss"
 
Das instrumentale "Prinz der Provinz - Reprise" schlägt vom Titel her den Bogen zum Beginn des Albums, klingt aber wie die Abspannmusik von einem unterhaltsamen Kinofilm, die als Extrakt die wichtigsten Eindrücke akustisch zusammenfassen möchte, damit Gelegenheit für ein gedankliches Resümee des eben Erlebten besteht.

Und das fällt für "Not My Cup Of Tea...Alles ist im Fluss" so aus: Die Musik macht erneut klar, dass Waiting For Louise alles daransetzt, eigenständig zu klingen, und zeigt, dass die Formation dies auch überzeugend realisieren kann. Musikalisch entwickeln sie sich stetig mit frischen Ideen weiter, handwerklich macht ihnen ohnehin niemand etwas vor, und mit Michael Mann haben sie einen Sänger, dessen Timbre ein Alleinstellungsmerkmal darstellt. Das gilt auch für die skurrilen, wegweisenden deutschen Texte. Einmal gehört, nie vergessen. 
 
(Vermutlich) Deutschlands beste Band ohne Plattenvertrag legt einmal mehr ein durch und durch professionelles Produkt vor: Songwriting, Gesang, Instrumentierung, Poesie, Tontechnik und Covergestaltung – alles ist vom Feinsten. Waiting For Louise haben ihre beste Platte aufgenommen. Und das schon zum achten Mal in Folge!
 
 
Die Tonträger der Projekte von Michael Mann können hier probegehört und bestellt werden:
 
Und ein Blick in seine kenntnisreich beschriebene Sammlung lohnt sich auch immer:

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