Ed O`Brien - Blue Morpho (2026)

Verinnerlichung und Erkenntnisgewinn: "Blue Morpho" dokumentiert Ed O’Briens Weg vom Schatten ins Licht.
 
 
Ed O’Brien ist Gründungsmitglied und einer von drei Gitarristen bei Radiohead. O’Brien sieht seine Rolle im Radiohead-Gefüge darin, die Songs auszuschmücken und den Frontmann Thom Yorke bei seiner Arbeit zu unterstützen. Er betätigt sich sozusagen als Sound-Designer, indem er die Kompositionen nicht nur mit vorzüglichen Gitarrentönen, sondern auch mit Effekten und Geräuschen unterfüttert. Von der Aufmerksamkeit her steht er dennoch etwas im Schatten von Thom Yorke und seinem Kollegen Jonny Greenwood, der neben seiner Band-Arbeit schon etliche Auszeichnungen für eigene Soundtrack-Kompositionen erhalten hat. Dabei sind Eds Beiträge bedeutend für die komplexen, teils fragilen, teils halluzinogenen Klangcollagen.
 
Ed O’Brien veröffentlichte erst 2020 sein Solo-Debüt "Earth" unter dem Namen EOB, das aufgrund seiner stilistischen Bandbreite und seiner reifen Ausdrucksformen überzeugen konnte. Am 22. Mai 2026 erscheint mit "Blue Morpho" die erste Solo-Platte, die sich nicht hinter einem Pseudonym versteckt. Blue Morpho ist der Name eines Schmetterlings, den O’Brien kennenlernte, als er für eine Weile in Brasilien lebte. Der Schmetterling ist mit einer Flügelspannweite von bis zu 12 cm einer der größten seiner Art und schimmert in einem kräftigen, metallischen Blau, das so intensiv leuchtet, dass Piloten es aus ihren Flugzeugen heraus wahrnehmen können. Faszinierend: Solch ein zartes Wesen kann sogar über eine so große Distanz hinweg verblüffen. Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, wie wichtig die Erhaltung der Artenvielfalt für das Gleichgewicht und die Schönheit der Erde ist. Denn die Natur hält in jeder Konstellation etliche Phänomene bereit, die zum Staunen und zum Innehalten führen.
 
Die Songs für "Blue Morpho" nahmen schon 2021, also kurz nach der Veröffentlichung von "Earth", langsam Gestalt an. Ed befand sich in einer depressiven Phase, aber das Eintauchen in die Natur seiner walisischen Heimat, die Atem- und Kälteübungen von Wim Hof und das Zitat "Um die Dunkelheit zu kennen, gehe in die Dunkelheit" des Dichters Wendell Berry aus Kentucky halfen ihm aus der Krise. Und durch diesen psychischen Reifungsprozess konnte aus einem bedrückenden Lebensabschnitt ein inspiriertes, originelles und etliche Assoziationen hervorrufendes Werk heranwachsen. O’Brien philosophiert nicht nur theoretisch über die dunkle Seite der Seele. Als jemand, der geläutert eine psychische Krankheit überwunden hat, schließt er letztendlich Frieden mit seinen Schwächen und nimmt sich so an, wie er ist.

Das Werk wird mit "Incantations" eröffnet, einem Stück mit deutlichen Bezügen zur Situation in der Depression ("Hier kommt die Angst. Und die Geister von vor langer Zeit."). Und mit den Spuren, die hinaus ins Licht geführt haben: "Öffne die Augen. Und sieh die Schönheit im Dunkeln. Ich finde das Kind. Vergraben tief in meinem Herzen". Eine Tonschleife aus flackernden Akustik-Gitarren-Akkorden durchzieht fast den gesamten Track, der stufenartig und schichtweise stetig angereichert wird. Nach und nach verdichtet sich der Sound durch sakrale Chor-Beigaben, malerische Percussion-Einschübe, stampfende Trommeln, dröhnende Bass-Spuren und waberndes Synthesizer-Schwirren. Kurz aufleuchtend gesellen sich helle E-Gitarren-Funken dazu. Die unmissverständlich meinungsstarke und bedächtig fließende Stimme von Ed geht stellenweise in ein meditatives Säuseln über. Demgegenüber lässt die verzückt agierende Sängerin Eska sirenenhafte Klangfarben aus einer dämonischen Zwischenwelt in den Hexenkessel einfließen. Ihr sympathisch-exzentrischer Beitrag, der aus einer dunklen Messe stammen könnte, durchströmt verwirrend die Sinne. Die komplexen Tonstrukturen bilden mitunter einen chaotisch wirkenden, lustvoll verzückten Zustand ab. Dieser an Voodoo-Zauber erinnernde Cocktail wird stetig durch veränderte Schwingungen angereichert und steigert sich in einen wahren Notentaumel mit ekstatisch-orgiastischen Ausmaßen. Irgendwann fällt das Klanggebäude zusammen und es findet ein veränderter, weiterhin exotischer Neuaufbau statt, den eine nervös zerrende E-Gitarre ungeduldig begleitet. Langsam löst sich dann das Instrumentengewirr auf und die verzaubernde, bewusstseinserweiternde Reise ist trotz ihrer beinahe achtminütigen Dauer viel zu früh zu Ende.

Die Streicherarrangements, die den Song "Blue Morpho" unterfüttern, sind ohne Umschweife als wunderschön zu bezeichnen. Weich, aber nicht schwülstig, prägend, aber nicht aufdringlich. Eingespielt wurden diese himmlisch anmutenden Sequenzen vom Tallinn Chamber Orchestra aus Estland. Sie tauchen das Lied in eine leidenschaftlich schwelgende, hinreißend berührende Atmosphäre, die durch einen beständigen Rhythmus nie die Bodenhaftung verliert. Auch nicht, wenn der schwerelos erscheinende Gesang einsetzt, der sich in etwa so anhört, als wäre er außerhalb des Körpers als geistiger Hauch entstanden. Das fühlt sich wie ein anmutiger Traum an, der in samtene Noten gegossen wurde.

"Sweet Spot" fängt die innige emotionale Tiefe von Nick-Drake-Songs ein und verlagert diese spirituelle Kraft in einen sakral anmutenden Art-Folk, der schläfrig abläuft, als würde er unter einem äußeren Zwang stehen. Die Stimmung ist würdevoll-ergriffen und die Stimme von Ed O’Brien klingt hingebungs- und andachtsvoll, als wäre er ein schamanischer, mit hypnotischen Fähigkeiten vertrauter Seelsorger. 

Mit hämmernden, eckigen, jazzigen Trip-Hop-Takten holt einen "Teachers" ruppig aus den angenehmen Träumen, die bei "Sweet Spot" entstanden sind. Dieser körperlich stimulierende Groove wird von sphärischem Schwirren und abenteuerlich pulsierenden Space-Sounds begleitet. Überraschende Stopps und ein schreiendes Gitarrensolo tragen bereichernd zu dieser verrückten akustischen Achterbahnfahrt bei, die ansatzweise an die abenteuerlichen, rhythmisch vertrackten Exkursionen der Krautrocker von Can denken lässt.

Bei den Solfeggio-Frequenzen handelt es sich um Schwingungen, die zur Heilung beitragen sollen. Dieses Wissen wurde bereits bei den Gregorianischen Gesängen, also lange vor dem Jahr 1000 unserer Zeitrechnung, angewendet. Jene metaphysische These spielt auch heute noch bei hochsensiblen Künstlern und Künstlerinnen wie Sarah Davachi eine große Rolle und wird später noch einmal aufgegriffen. Der instrumentale Track "Solfeggio" 
besteht aus sphärisch wabernden Ambient-Tönen, deren Basis sich nur minimal verändert und dessen Rhythmus gleichförmig im Hintergrund vor sich hin tuckert. Ein Soundtrack, der sich perfekt zur Vertonung von Science-Fiction-Filmen oder für eine imaginäre Reise ins Innere der Psyche eignet.
 
Für "Thin Places" wird nicht nur auf Gesang, sondern auch auf ein taktgebendes Element verzichtet. Das kurze Stück spielt sich ausschließlich in einem lautmalerischen, der realen Welt abgewandten Bereich ab, also irgendwo zwischen Traum und Narkose. Die Klänge brummen und summen gleichzeitig, wobei sich die unterschiedlichen Oszillationen in ihrer Wirkung ausgleichen, aber nicht neutralisieren. Hohe und tiefe Töne bestehen nebeneinander und erzeugen ein Geflecht, das tief in lebendige Zellen einzudringen scheint. Die Musik versetzt die Hörerschaft möglicherweise dadurch gedanklich an einen reizvoll-anmutigen Ort.

Von seinem Brasilienaufenthalt brachte Ed O’Brien nicht nur den Albumtitel, sondern auch kompositorische Ideen mit. „Obrigado“ heißt „Danke“ und der gleichnamige Song klingt nach futuristischem Bossa Nova, der jedoch seine Traditionen nicht verleugnet, also Melancholie und Lebensfreude in sich vereint. Konzeptionell strebt er durch seinen integrierten Space-Age-Sound-Ansatz allerdings zielstrebig nach den Sternen. Die ausdrucksstarke Background-Sängerin Eska betätigt sich in diesem Geflecht erneut als hinreißende, wortlose Vokalakrobatin, die in diesem Fall vom fröhlich-feierlichen Samba-Karneval angestachelt zu sein scheint und impulsiv die Gehörnerven massiert.

Für die Aufnahmen von "Blue Morpho" nutzte Ed O’Brien eine spezielle Technik, denn er ließ alle Instrumente auf die Frequenz von 432 Hertz stimmen. Anstatt auf die üblichen 440 Hertz des sogenannten Kammerton A, auf den sich eine internationale Konferenz im Jahr 1939 einigte. "Mir gefiel der Gedanke, dass Musik mehr sein kann als nur angenehm fürs Ohr oder bewegend – dass die Frequenz, in der sie gespielt wird, tatsächlich eine heilende Wirkung haben oder in Harmonie mit den Zellen deines Körpers und der Welt um dich herum schwingen könnte", gab der Musiker als Begründung für diesen Schritt zu Protokoll. Und: "Es hat mehr Tiefe und Kraft, es wirkt vollständig. Im Vergleich dazu klingt Musik bei 440 Hertz leicht schrill. Die Instrumente klingen bei der 432-Hertz-Frequenz besser und schwingen freier, besonders Akustikinstrumente wie Gitarren", erklärt er weiter. Immer mehr Musiker, wie Ziggy Marley oder James Blake, sind davon überzeugt, dass 432 Hertz einen natürlicheren und harmonischeren Klang ermöglichen.

Ed macht beflügelnde Musik, die viele Erinnerungen an andere Alben hervorruft. Er kopiert nicht, sondern verwandelt die Anreize durch das Einbinden seiner Vorstellungen in originelle Referenzen. Zu den verwerteten Eindrücken könnte der rauschhafte Psychedelic-Rock von Quicksilver Messenger Service aus der 1970er-Periode um "Just For Love" und "What About Me" mit Dino Valenti als Lead-Sänger gehören. Zumindest, wenn man an die unkonventionellen Songstrukturen denkt. Dann gibt es noch Querverweise zu "Natural" von Celso Fonseca aus 2003, was den fortschrittlichen Bossa-Nova-Ansatz von "Obrigado" angeht. "Morning Prayer" von Pharoah Sanders aus 1971 ist ein Beispiel für fremdartige Folk-Einflüsse im Jazz. Eine Klangfarbe, die Ed O’Brien gerne nutzt. "Whenever I Seem To Be Far Away" von Terje Rypdal aus 1974 steht als Hinweis für seinen prominenten E-Gitarren-Einsatz in Kombination mit kammermusikalisch-meditativen Ausflügen. Alice Coltranes "Journey In Satchidananda", das 1971 herausgebracht wurde, vereint Spiritualität und Improvisation miteinander, eine Kombination, die auch bei "Blue Morpho" vorkommt. Für die eruptiven, wuchtigen, dem kontrollierten Chaos zugeneigten Passagen könnte "21st Century Schizoid Man" von King Crimson Pate gestanden haben.

"Blue Morpho" bringt die Fantasie zum Sprühen und trotz der nur 38 Minuten Spielzeit wirkt das Werk ausführlicher und weitläufiger, weil es die Sinne berührt und sie unentwegt in Bewegung hält. Ein höchst anregender Ausflug in die Tiefen der Psyche und die Weiten der Vorstellungskraft.

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