Ed O`Brien - Blue Morpho (2026)
Die Streicherarrangements, die den Song "Blue Morpho" unterfüttern, sind ohne Umschweife als wunderschön zu bezeichnen. Weich, aber nicht schwülstig, prägend, aber nicht aufdringlich. Eingespielt wurden diese himmlisch anmutenden Sequenzen vom Tallinn Chamber Orchestra aus Estland. Sie tauchen das Lied in eine leidenschaftlich schwelgende, hinreißend berührende Atmosphäre, die durch einen beständigen Rhythmus nie die Bodenhaftung verliert. Auch nicht, wenn der schwerelos erscheinende Gesang einsetzt, der sich in etwa so anhört, als wäre er außerhalb des Körpers als geistiger Hauch entstanden. Das fühlt sich wie ein anmutiger Traum an, der in samtene Noten gegossen wurde.
"Sweet Spot" fängt die innige emotionale Tiefe von Nick-Drake-Songs ein und verlagert diese spirituelle Kraft in einen sakral anmutenden Art-Folk, der schläfrig abläuft, als würde er unter einem äußeren Zwang stehen. Die Stimmung ist würdevoll-ergriffen und die Stimme von Ed O’Brien klingt hingebungs- und andachtsvoll, als wäre er ein schamanischer, mit hypnotischen Fähigkeiten vertrauter Seelsorger.
Mit hämmernden, eckigen, jazzigen Trip-Hop-Takten holt einen "Teachers" ruppig aus den angenehmen Träumen, die bei "Sweet Spot" entstanden sind. Dieser körperlich stimulierende Groove wird von sphärischem Schwirren und abenteuerlich pulsierenden Space-Sounds begleitet. Überraschende Stopps und ein schreiendes Gitarrensolo tragen bereichernd zu dieser verrückten akustischen Achterbahnfahrt bei, die ansatzweise an die abenteuerlichen, rhythmisch vertrackten Exkursionen der Krautrocker von Can denken lässt.
Bei den Solfeggio-Frequenzen handelt es sich um Schwingungen, die zur Heilung beitragen sollen. Dieses Wissen wurde bereits bei den Gregorianischen Gesängen, also lange vor dem Jahr 1000 unserer Zeitrechnung, angewendet. Jene metaphysische These spielt auch heute noch bei hochsensiblen Künstlern und Künstlerinnen wie Sarah Davachi eine große Rolle und wird später noch einmal aufgegriffen. Der instrumentale Track "Solfeggio" besteht aus sphärisch wabernden Ambient-Tönen, deren Basis sich nur minimal verändert und dessen Rhythmus gleichförmig im Hintergrund vor sich hin tuckert. Ein Soundtrack, der sich perfekt zur Vertonung von Science-Fiction-Filmen oder für eine imaginäre Reise ins Innere der Psyche eignet.
Von seinem Brasilienaufenthalt brachte Ed O’Brien nicht nur den Albumtitel, sondern auch kompositorische Ideen mit. „Obrigado“ heißt „Danke“ und der gleichnamige Song klingt nach futuristischem Bossa Nova, der jedoch seine Traditionen nicht verleugnet, also Melancholie und Lebensfreude in sich vereint. Konzeptionell strebt er durch seinen integrierten Space-Age-Sound-Ansatz allerdings zielstrebig nach den Sternen. Die ausdrucksstarke Background-Sängerin Eska betätigt sich in diesem Geflecht erneut als hinreißende, wortlose Vokalakrobatin, die in diesem Fall vom fröhlich-feierlichen Samba-Karneval angestachelt zu sein scheint und impulsiv die Gehörnerven massiert.
Für die Aufnahmen von "Blue Morpho" nutzte Ed O’Brien eine spezielle Technik, denn er ließ alle Instrumente auf die Frequenz von 432 Hertz stimmen. Anstatt auf die üblichen 440 Hertz des sogenannten Kammerton A, auf den sich eine internationale Konferenz im Jahr 1939 einigte. "Mir gefiel der Gedanke, dass Musik mehr sein kann als nur angenehm fürs Ohr oder bewegend – dass die Frequenz, in der sie gespielt wird, tatsächlich eine heilende Wirkung haben oder in Harmonie mit den Zellen deines Körpers und der Welt um dich herum schwingen könnte", gab der Musiker als Begründung für diesen Schritt zu Protokoll. Und: "Es hat mehr Tiefe und Kraft, es wirkt vollständig. Im Vergleich dazu klingt Musik bei 440 Hertz leicht schrill. Die Instrumente klingen bei der 432-Hertz-Frequenz besser und schwingen freier, besonders Akustikinstrumente wie Gitarren", erklärt er weiter. Immer mehr Musiker, wie Ziggy Marley oder James Blake, sind davon überzeugt, dass 432 Hertz einen natürlicheren und harmonischeren Klang ermöglichen.
Ed macht beflügelnde Musik, die viele Erinnerungen an andere Alben hervorruft. Er kopiert nicht, sondern verwandelt die Anreize durch das Einbinden seiner Vorstellungen in originelle Referenzen. Zu den verwerteten Eindrücken könnte der rauschhafte Psychedelic-Rock von Quicksilver Messenger Service aus der 1970er-Periode um "Just For Love" und "What About Me" mit Dino Valenti als Lead-Sänger gehören. Zumindest, wenn man an die unkonventionellen Songstrukturen denkt. Dann gibt es noch Querverweise zu "Natural" von Celso Fonseca aus 2003, was den fortschrittlichen Bossa-Nova-Ansatz von "Obrigado" angeht. "Morning Prayer" von Pharoah Sanders aus 1971 ist ein Beispiel für fremdartige Folk-Einflüsse im Jazz. Eine Klangfarbe, die Ed O’Brien gerne nutzt. "Whenever I Seem To Be Far Away" von Terje Rypdal aus 1974 steht als Hinweis für seinen prominenten E-Gitarren-Einsatz in Kombination mit kammermusikalisch-meditativen Ausflügen. Alice Coltranes "Journey In Satchidananda", das 1971 herausgebracht wurde, vereint Spiritualität und Improvisation miteinander, eine Kombination, die auch bei "Blue Morpho" vorkommt. Für die eruptiven, wuchtigen, dem kontrollierten Chaos zugeneigten Passagen könnte "21st Century Schizoid Man" von King Crimson Pate gestanden haben.
"Blue Morpho" bringt die Fantasie zum Sprühen und trotz der nur 38 Minuten Spielzeit wirkt das Werk ausführlicher und weitläufiger, weil es die Sinne berührt und sie unentwegt in Bewegung hält. Ein höchst anregender Ausflug in die Tiefen der Psyche und die Weiten der Vorstellungskraft.


Kommentare
Kommentar veröffentlichen