Lontalius - I´ll Forget 17 (2016)
Der 18-jährige neuseeländische Autodidakt Eddie Johnston könnte sich zum nächsten großen Individualisten der Electro-Folk-Szene entwickeln.
17 war für Eddie Johnston anscheinend ein schwieriges Alter. Der Übergang vom Teenager zum Erwachsenen ist häufig von ernüchternden oder enttäuschenden Liebesbeziehungen, Fragen nach dem persönlichen Lebensweg, der Einordnung in die Gesellschaft oder der Abschätzung der Realisierungsmöglichkeiten von Träumen und Wünschen geprägt. Johnston ist in die Musik „geflüchtet“, um seine Erfahrungen zu verarbeiten und sich den offenen Fragen des Lebens zu stellen.
Seit er 13 war, beschäftigt sich der Neuseeländer mit der Ausdrucksmöglichkeit durch Klänge und hat sich durch das Erstellen von Coverversionen von Beyonce-, Justin Bieber- oder Drake-Songs, die er auf YouTube oder Soundcloud veröffentlichte, einen guten Insiderruf aufgebaut. Seine Interpretationen hören sich in etwa wie James Blake-Kompositionen ohne deren Schräglage an.

Beim ersten Höreindruck von „I'll Forget 17“ wirken die eigenen Kreationen von Lontalius, wie sich Eddie als Musiker nennt, recht statisch und linear. Bei intensiverer Beschäftigung damit werden aber kleine Delikatessen in den überwiegend zart blühenden Gebilden offenbart. So lässt der Musiker im relativ unbeweglichen „A Feeling So Sweet“ eine cremige, himmlisch erhebende Pop-Versuchung entstehen, die an die Songs des bei uns relativ unbekannt gebliebenen Duncan Sheik erinnert.
Und „Light Shines Through Dust“ verfügt über eine ultra-entspannte, verführerische Melodie, die durch konzentrierten Gesang geerdet wurde. Romantische Piano- und verlorene Gitarren-Akkorde bilden neben singenden Steel-Guitar-ähnlichen Tonschwaden das Gerüst dieses intimen Songs.
Jazzig verspielt, wobei Piano und Schlagzeug gegenläufig angeordnet sind, beginnt „Selfless“. Der Track kommt zwischendurch fast zum Erliegen, da die Rhythmik ausgesetzt wird und der Gesang nicht gegen die Leere an arbeitet. „Glow“ beginnt wie ein Singer/Songwriter-Stück mit akustischer Gitarre. Dann setzt ein deutlicher Basslauf ein und Schrammel-Gitarren stören die bislang gefühlvoll gehaltene Stimmung. Der Titel pendelt sich später noch als ausgewogener Pop-Song ein. Minimalistische Wiederholungen, intimer Folk und elektronische Sounds bringen für „Yr Heart Is Beating“ sphärische und rhythmische Elemente zusammen. So klingt eine moderne Meditation.
Der Künstler aus Neuseeland verwendet hauptsächlich sphärischen Electro-Pop, intimen Folk und minimalistisch geprägten Indie-Pop für die Schaffung seines musikalischen Weltbilds. Eddie Johnston sieht sein Heil nicht - wie die Auswahl seiner Cover-Songs vermuten lassen könnte - im gesichtslosen Teenager-Pop, sondern seine Deutungen sind ernsthaft und fördern den melancholischen Kern der Songs zutage. Mit entsprechender Erfahrung und Entwicklung kann es Lontarius eventuell bald zu einem Ansehen bringen, wie es heute schon Fin Greenall als Fink auf dem Gebiet des Electro-Folk geschafft hat. Bei dem beachtlichen Talent sollte es dem jungen Mann gelingen, in Zukunft weitere instrumentelle und stilistische Nuancen sowie zusätzliche gesangliche Ausdrücke in sein Wirken einfließen zu lassen, um das Resultat noch individueller zu gestalten und sich damit eine Ausnahmestellung zu erarbeiten.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen