Wellness - Immer Immer (2016)

Surf-Musik mit deutschen Texten. Ein Novum? Zumindest ein erfrischender Retro-Trend, der ausbaufähig ist.
Anfang der 60er-Jahre war Surf-Musik als Rock & Roll-Abspaltung eine Zeit lang zumindest in Kalifornien recht populär. Dieser gitarrenbetonte Klang war ursprünglich instrumental gehalten und stach durch schnell gespielte, silbrig schimmernde Töne aus Echo-Gitarren hervor. Später gab es auch vokale Ausprägungen und Formationen wie Jan & Dean oder die Beach Boys brachten den Sound sogar in die Charts.
Schon gegen Mitte der 60er-Jahre ebbte die Surf-Welle ab und lange Zeit spielte diese Musik nur noch bei Insidern und Nerds eine Rolle. Ein kleines Revival in den 80er-Jahren ging dann fast spurlos am Publikum vorbei. Als Quentin Tarantino allerdings 1994 im Soundtrack für „Pulp Fiction“, „Bustin`Surfboards“ von The Tornados, „Surf Rider“ von The Lively Ones sowie „Out Of Limits“ von The Marketts einsetzte, flammte das Interesse für diese Musik neu auf.
Immer Immer - Wellness, Wellness: Amazon.de: Musik
Auch die Kölner Gruppe Wellness hat sich diesen Klängen verschrieben und variiert den Sound, indem sie das Tempo zwischen langsam und schnell wechselt. Sie unterlegen die Musik sogar mit deutscher Sprache, bilden aber auch die instrumentale Seite des Surf-Sounds ab („Aloha Arne“, „Calamari“). Dem Gesang fehlt es allerdings an der nötigen Schärfe und damit an derben Konturen, die die Stimme in eine relevante Position innerhalb der Komposition setzen könnte. Lyrisch wird Hausmannskost ohne bedeutende Aussagen und inhaltlich fokussierte Haltepunkte geboten. Die Wortwahl ist an die Poesie von Tocotronic angelehnt, kommt aber im Vergleich dazu holpriger rüber.
Die Band hat gut daran getan, den Surf-Begriff nicht zu eng zu fassen. Abstecher in den Psych- („Aloha Arne“) oder Wüsten-Rock („Endlich Endlos“) sowie in Pop-Gefilde („Was Du Denkst“, „Mirabelle“, „Heiße Liebe“, „Amnestie“, „Müdes Licht“) sind wohltuend, denn die Schlenker sorgen für Abwechslung und werden musikalisch kompetent umgesetzt. „Immer Immer“ zeigt eine solide Leistung in einem Genre, das ein Revival verdient hat. Wenn das Quartett jetzt noch den Gesang engagierter einsetzt und griffigere deutsche Texte verwendet, setzt es sicher bald ein markantes Ausrufezeichen im alternativen Pop-Markt.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Lesestoff: Thomas Waldherr - In The Summertime. Bob Dylan 1981: Umbrüche, Ausflüge und Anfänge. Ein politisch-popkulturelles Essay + Termine für Lesungen!

Lost & Found: Songs To The Siren „2019“: Das Erbe von Tim Buckley und The Velvet Underground wird am Niederrhein betreut.

Michael Moravek - GEORG (2026)