Telegram - Operator (2016)
Pop-Punker suchen nach Identität: Auf dem Erstling von Telegram gibt es Licht und Schatten.
Telegram ist ein Quartett aus London, das 2013 als Punk-Band mit Pop-Verstand angefangen hat und sich zur Hälfte aus Mitgliedern einer Roxy Music-Cover-Band rekrutierte. Ihre großartige Debüt-Single „Follow“ aus diesem Jahr ist auch auf ihrem ersten Album. Hier klingen sie wie aus der Zeit gefallen, nämlich wie Brüder im Geiste der Buzzcocks, Sex Pistols, Undertones, The Jam oder The Police. Also genau aus der Periode, als sich die Energie des Punk mit der Ohrwurmqualität des Pop vereinte. Solch ein Revival ist ganz putzig, muss sich aber unbedingt an der Robustheit der Melodien messen lassen. Hierbei zeigt die Gruppe zwei Gesichter. Ein engagiert-spritziges, das dem rohen, kraftvollen Song, der melodiös straff organisiert ist, zugeneigt ist. Und ein schleppendes, um künstlerischen Ausdruck bemühtes, das die Lieder gerne in unterschiedlich ablaufende Abschnitte zerlegt.

„Rule Number One“ bringt die 1977er Punk-Energie der Sex Pistols wieder ins Bewusstsein und der schrammelnde Gitarren-Sound von „Follow“ wird durch den eingängigen, aus der Mitte der Instrumente kommenden Gesang abgerundet. Dieser stürmische Pop-Punk wäre Ende der 70er-Jahre vielleicht sogar ein Hit geworden. „Taffy Come Home“ symbolisiert die Schnittstelle zwischen Beat und Punk. Der Gesang gemahnt an Feargal Sharkey, dem Frontmann der Undertones. Schneller Wave-Pop-Punk, ähnlich wie bei den frühen Aufnahmen von The Police, wird bei „Regatta“ geboten. Ungestüm, hastig und schnoddrig ist „We've Got A Friend (Who Knows)“. Das geht als jugendlicher Übermut durch.
„Inside/Outside“ legt sich nicht fest. Der Track weicht einem einheitlichen Ablauf aus, hat Ecken und Kanten, geht in Deckung und springt den Hörer dann wieder unverhofft an. Ganz schön gewagt für eine Band mit Retro-Punk-Hintergrund. „Godiva's Here“ setzt anfangs auf einen schnellen, stumpfen Rhythmus. Außer dem Tempo hat der Titel jedoch nicht viel zu bieten, denn ausgerechnet die Melodie verfügt nur über ungenügende Identifikationsfläche. „Have It Your Way“ pendelt auch zwischen zwei Polen. Es gibt Gitarren-Linien, die an die frühen U2 von „Boy“ erinnern und Unbekümmertheit vermitteln. Andererseits kündigt sich die Schärfe einiger The Clash-Kompositionen an, kann sich aber nicht durchsetzen.
Punk, Pop, Classic Rock und etwas Krach sind die Zutaten für das holprig gestaltete „Aeous“. In letzter Konsequenz fehlen hier die entscheidenden sich festsetzenden Widerhaken, um den Song attraktiv erscheinen zu lassen. Zunächst irritieren die depressiven Gesänge aus dem Hintergrund. Dann lernt „Under The Night Time“ doch noch das Marschieren, kann aber den verlorenen Boden nicht mehr gut machen. Mit über sechs Minuten wird „Telegramme“ unnötig in die Länge gezogen. Eine ausgedehnte Bass-Sequenz sorgt für eine künstliche Bremse in diesem von Noise- und Alternative-Rock-Gitarren geprägten Stück. Die Brüche zerschießen einen geordneten Ablauf und lassen die Musik überambitioniert und verkrampft-bemüht klingen. Abrupte Tempowechsel zerstören dann auch den anfangs lockeren Fluss von „Folly“.
Was als aus stabilen Referenzen schöpfender Pop-Punk begann, wird hier zusehends konturlos zerfasert und zu Gebilden, die sich das Leben schwer machen, transformiert. Zur Hälfte werden zündende Ideen breitgewalzt und damit zum Erlöschen gebracht. Mit der Brechstange werden dadurch Sollbruchstellen in die Kompositionen eingebracht, die den Schwung stören. Deshalb können auch nur 50% der Songs Gefallen finden, die sind es aber auf jeden Fall wert, gehört zu werden!
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