Wakey! Wakey! - Overreactivist (2016)
Piano-Pop für die Nachdenklichen. Wakey!Wakey! bemühen sich um anspruchsvolle Songs für das Mainstream-Radio.
Nur wenigen umherziehenden Musikern ist es vergönnt, dass ihre Kunst zufällig für den Einsatz in einer Fernseh-Serie ausgewählt wird. Der New Yorker Songwriter, Sänger und Pianist Michael Grubbs hatte dieses Glück. Sein Song „War Sweater“ wurde in der Serie „One Tree Hill“ eingesetzt und der ehemalige Musik-Theater-Student bekam zusätzlich noch darin eine Schauspielrolle als Barkeeper angeboten. Dadurch erhielt sein Bekanntheitsgrad schlagartig enormen Auftrieb.

Jetzt legt Grubbs mit dem Band-Projekt Wakey!Wakey! sein drittes Album vor. Er garniert seine mit Kummer aufgeladene Stimme mit kammermusikalischen Streichern, fügt romantische Piano-Salven hinzu und manchmal werden sogar engelsgleiche Choreinspielungen aufgepfropft. Das erzeugt dramatische Stücke, die sowohl gefühlvoll-ruhig, wie auch impulsiv-aufgebracht sein können und mit echtem Schlagzeug oder synthetischen Rhythmen angereichert werden.
Grubbs symphonische Mini-Epen zeigen einen kritischen, verletzlichen Chronisten bei der Arbeit. So behandelt „Homeless Poets“ die Probleme von Musikern, sich finanziell über Wasser zu halten, und in „Big Town Love“ sowie „Stop Turning“ geht es um schmerzliche Trennungserlebnisse. Bei aller Betroffenheit, die die Texte transportieren, gibt es auch flott angeschlagene Töne, die den Gesamteindruck nicht zu bedrückend werden lassen („Overreactivist“, „Homeless Poets“).
Musikalisch ist der in Richmond, Virginia, geborene Musiker durch die Inspiration seiner Mutter schon früh von Bach, Brahms und Beethoven geprägt worden, was besonders bei „Light And Nothing More“ und „C’est La Vie“ deutlich wird. Später haben ihn zusätzlich die eigenen Entdeckungen Billy Joel, Elton John und Led Zeppelin auf den eingeschlagenen Weg gebracht. Michael macht es seinen Hörern mit den einfühlsamen, ohrenfreundlichen, schnell auf den Punkt kommenden Kompositionen leicht, auf seinen Zug aufzuspringen. Wie bei Chris De Burgh oder Cat Stevens wird der Zugang oft durch übersteigerte hymnische Passagen erleichtert. Oder es tragen aufmunternde Vereinnahmungsstrategien wie bei Mumford & Sons zur Identifikation bei. Die beschwörend wiederholten Refrains führen des Weiteren zur Solidarisierung mit dem Sänger. Nicht auf ein Format eingrenzen oder emotional bändigen lassen sich „Heartbroke“ und „Cruel You“, die durch ihre Kombination von elektronischen und akustischen Rhythmen wendig erscheinen und sich stilistisch am Folktronic orientieren.
Ist „Overreactivist“ nun eine Mogelpackung mit sorgsam ausgewählten Marketing-technischen Formeln, um ein Mainstream-Publikum zu knacken, oder das Protokoll eines überlaufenden Tagebuchs eines ambitionierten Bedenkenträgers? Das Werk wurde wahrscheinlich nicht absichtlich massentauglich durchkalkuliert, denn das ehrliche Engagement von Michael Grubbs ist spürbar. Aber die Möglichkeiten, sich im Segment des sensiblen Songwriters individuell aufzustellen, sind begrenzt und schon ziemlich abgegrast. Da bleibt es nicht aus, dass sich Kollisionen mit vorhandenen, bekannten Mustern ergeben. Solange dabei aber so hinreißende Melodien wie „Big Town Love“ oder „Still Life“ abfallen, sei alles andere verziehen.
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